BERUF Peter Jurgilewitsch aus Pützchen ist Kreuzfahrtdirektor auf dem Traumschiff, der MS Deutschland. Er ist verantwortlich für das Kulturprogramm und kennt viele Stars persönlich
„Die Leute würden mich sonst für großspurig halten“

Von Nina Terpe

PÜTZCHEN. Peter Jurgilewitsch sitzt auf gepackten Koffern. Diesmal fliegt er nach Genua. Ein Handkoffer ist allein mit Dias gefüllt. 90 000 Dias aus 160 Ländern besitzt er. 193 Länder gibt es. Wenn Jurgilewitsch gefragt wird, was er beruflich macht, antwortet er immer: „Kulturmanagement“. „Die Leute würden mich sonst für großspurig halten.“ Der 44-Jährige ist Kreuzfahrtdirektor auf eben jenem Traumschiff, das die meisten wohl nur aus dem Fernsehen kennen und für Kulisse halten: Er ist zuständig für das Unterhaltungsprogramm auf der MS Deutschland. Während des normalen Kreuzfahrtbetriebs wird die Fernsehserie zwischen Januar und März gedreht.
Sechs Wochen hat Jurgilewitsch zu Hause verbracht. Und dann beginnt eine Mittelmeerreise. Direkt im Anschluss wird er mit dem Schiff auf Weltreise von Madeira nach Panama gehen. Leben im Zwei- Monats-Rhythmus. Zwei Monate auf See, zwei Monate „Urlaub zu Hause“, wie er es nennt. „Andere müssen für sechs Monate auf Montage.“

Jurgilewitsch hat seinen Traumjob gefunden. 20 Jahre lang war er Berufsmusiker,
Organist und Kantor in Pützchen. Wenn er Urlaub hatte, war er allerdings nie zu Hause anzutreffen. „Ich hatte schon über 50 Länder bereist, bevor ich an Bord des Kreuzfahrtschiffes ging.“ 1996 hat er auf einer Amazonasreise mit der MS Berlin den damaligen Lektor kennengelernt. Er wurde eingeladen, während seiner Urlaubswochen Reisevorträge auf dem Schiff zu halten. Zwei Jahre später bekam er dann das Angebot, auf der neu gebauten MS Deutschland fest einzusteigen.

Sein Tag an Bord beginnt zwischen sieben und acht Uhr im Büro. Mit den Künstleragenturen und den Agenten der Reederei vor Ort bespricht er, welcher Star wann an Bord kommt. Gefrühstückt wird dann gemeinsam mit den Passagieren. Über sechzig Prozent sind Stammgäste, so Jurgilewitsch. Bis zum Mittag ist er damit beschäftigt, das Kulturprogramm für den nächsten Tag zusammenzustellen und die Proben zu koordinieren. „Die Mischung ist das Entscheidende, es muss für jeden etwas dabeisein.“ Geboten werden unterschiedliche Konzerte, Lesungen und Vorträge, Talkshows, Kino, Tanz, Folkloristische Darbietungen, Malkurse. Höhepunkte sind die Galatage. Drei gibt es auf jeder Reise: eine Willkommens-, eine Abschiedsgala und einen Ball. „Die Passagiere dürfen von den Vorbereitungen nichts merken. Auch wenn es mit der Organisation mal zeitlich eng wird, darf der Gast davon nichts mitbekommen. Der Kreuzfahrtdirektor wird an den Hammelbeinen gezogen, wenn etwas schiefläuft“, sagt er. Jurgilewitsch steht auch selbst auf der Bühne, moderiert die Abendveranstaltungen und interviewt Prominente. Außerdem hat er während seiner freien Zeit 40 Reisevorträge vorbereitet.

Nach den Shows sitzt er, „wie in jedem Theater“, mit den Künstlern zusammen. Dann geht es um alltägliche Dinge, wie etwa eine kaputte Kaffeemaschine. Manchmal wird er auch wegen eines musikalischen Arrangements um Rat gefragt. „Wenn man die Stars alltäglich erlebt, wird deutlich, wie vieles in der Boulevardpresse hochgepuscht wird.“ Seine Freunde, die dieser Tage zu Besuch waren, konnten es nicht glauben, als Wenke Myhre bei ihm zu Hause anrief.

Vor Mitternacht kommt Jurgilewitsch nie ins Bett. Mehr als zwölf Stunden im Rampenlicht. Der Kreuzfahrtdirektor muss präsent sein. „Ich bin bestimmt der einzige, der seinen Gästen noch anbietet, jederzeit für Fragen zur Verfügung zu stehen. Aber für diese Mentalität kommt man ja aus dem Rheinland“, fügt er lachend hinzu.

Bis zu 500 Passagiere sind an Bord, dazu kommen ungefähr 260 Personen Besatzung 30 verschiedener Nationalitäten.
„Man kann nicht, wie in anderen Berufen, abends nach Hause gehen und sagen: „So, Feierabend. Mit euch habe ich nichts mehr zu tun.“ Man kann sich nicht ausweichen. Konflikte müssen sofort aus der Welt geräumt werden“, beschreibt Jurgilewitsch die spezielle Arbeitssituation. „Aber wenn man dann mal einen Nachmittag am schönsten Strand der Erde verbracht hat, weiß man, warum man diesen Job macht. Allerdings muss man auch mal vier Stunden im Büro sitzen können, wenn direkt vor einem das Taj Mahal liegt, und bei sengender Hitze arbeiten.“