Klang und Bewegung spielten im frühen Silla-Reich eine zentrale Rolle bei rituellen Handlungen und Übergangsriten. So sind rituelle Objekte aus Cheonmachong ein direkter Kontakt in die Vergangenheit und die Geschichte des Ortes. Ob im Leben oder im Tod – Präsenz wurde nicht allein durch Sichtbarkeit erzeugt, sondern durch das Zusammenspiel von Bewegung, Geräusch und Material. Auch im Grab von Cheonmachong finden sich zahlreiche Objekte, deren Funktion sich erst erschließt, wenn man sie nicht als stumme Beigaben, sondern als aktiv gedachte Elemente versteht. Glocken, bewegliche Ornamente und selbst Schuhe waren Teil eines Systems, das Schutz gewährleistete, Übergänge markierte und den Verstorbenen symbolisch in Bewegung hielt.
Klang, Bewegung und Schutz im rituellen Kontext
Schließlich gehören auch kleine Glocken, Anhänger und Kleinobjekte aus Bronze und Gold zu den Beigaben. Die hohlen Bronzeglocken mit Schlitzöffnung waren ursprünglich an Kleidung, Gürteln oder Pferdegeschirr befestigt.
Klang spielte im Silla-Reich eine zentrale Rolle. Glocken galten als Mittel zur Abwehr böser Kräfte, als Zeichen ritueller Präsenz und als Verbindung zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt. Auch im Grab sollten sie nicht verstummen, sondern symbolisch weiterwirken.
Rituelle Objekte aus Cheonmachong – Glocken und Kleinobjekte
Glocken erfüllten im frühen Silla-Reich eine weit über ihre materielle Präsenz hinausgehende Funktion. Ihr Klang galt als wirksames Mittel, um Übergänge zu markieren und unsichtbare Kräfte auf Distanz zu halten. In rituellen Kontexten erzeugte Klang Präsenz, wo Sichtbarkeit allein nicht ausreichte. Auch im Grab von Cheonmachong waren Glocken nicht als stumme Beigaben gedacht.
Sie sollten symbolisch weiterklingen und den Raum als geschützten Bereich definieren. Stille war im Verständnis dieser Zeit kein neutraler Zustand, sondern potenziell gefährlich. Der Klang der Glocken strukturierte den Übergang zwischen den Welten und verlieh dem Grab eine fortdauernde rituelle Wirksamkeit.
Kultureller Kontext und Bedeutung
Alle diese Objekte entstanden in einer Phase intensiver kultureller Eigenständigkeit des Silla-Reiches. Sie zeigen kaum chinesische Vorbilder, sondern starke schamanistische Einflüsse und Verbindungen zu nordeurasischen Steppenkulturen. Gold war dabei kein Zeichen von Luxus allein, sondern ein Medium kosmischer Ordnung.
Gemeinsam vermitteln die Beigaben aus Cheonmachong ein Weltbild, in dem Macht, Ritual und Jenseits untrennbar miteinander verbunden waren und der Tod nicht als Ende, sondern als Übergang in eine andere Form von Wirksamkeit verstanden wurde.
Das hängende Goldornament – Zeichen der Transformation
Das großformatige, V-förmig geöffnete Goldornament gehört zu den eindrucksvollsten rituellen Objekten aus dem Grab von Cheonmachong. Gefertigt im 5. Jahrhundert n. Chr., in der Blütezeit des frühen Silla-Reiches, ist es weniger als Schmuckstück im modernen Sinne zu verstehen, sondern als ein bewusst gestaltetes Instrument symbolischer Verwandlung. Seine Form erinnert zugleich an Flügel, Geweihe und abstrahierte Baumzweige – Motive, die tief im schamanistischen Weltbild Ostasiens verwurzelt sind und für Aufstieg, Vermittlung und kosmische Verbindung stehen.
Das Ornament besteht aus dünnem, netzartig gearbeitetem Goldblech, dicht besetzt mit kleinen, frei beweglichen Goldscheiben. Jede noch so geringe Bewegung hätte ein leises Klingen und ein flirrendes Spiel aus Licht ausgelöst. Der Eindruck von Starrheit wird bewusst vermieden; stattdessen entsteht eine Erscheinung, die lebendig wirkt, beinahe atmend. Am unteren Ende des Ornaments konzentriert sich die Form in einem länglichen, glatten Goldblatt, das wie ein Ruhepunkt innerhalb der Bewegung wirkt – ein visuelles Zentrum, das das Oben und Unten, das Leichte und das Schwere miteinander verbindet.
Dieses Objekt war nicht für den Alltag bestimmt. Es diente weder Schutz noch praktischer Funktion, sondern markierte den Übergang des Herrschers in eine andere Daseinsform. Im Grab erfüllte es die Aufgabe, den Verstorbenen als Herrscher auch im Jenseits sichtbar zu machen – nicht als individuellen Menschen, sondern als Teil einer kosmischen Ordnung. Das Ornament steht damit exemplarisch für ein Herrschaftsverständnis, das nicht auf äußerer Macht, sondern auf ritueller Wirksamkeit beruhte.
Das hängende Goldornament entfaltet seine Bedeutung vor allem durch seine Reaktion auf minimale Bewegung. Bereits ein leichter Luftzug oder die geringste Erschütterung ließ das dünn gearbeitete Gold schwingen und Licht reflektieren. In der Dunkelheit des Grabraums muss dieser Effekt eine fast lebendige Wirkung erzeugt haben. Das Ornament machte Transformation sichtbar, ohne selbst aktiv bewegt zu werden. Es verkörpert einen Zustand zwischen Ruhe und Bewegung und steht damit sinnbildlich für den Übergang des Verstorbenen von einer Daseinsform in eine andere.
Während hängende Ornamente Bewegung und Wandel sichtbar machten, übertrugen andere Objekte diese Vorstellung direkt auf den Körper des Verstorbenen. Die Schuhe bilden den logischen Abschluss dieser Abfolge, indem sie Bewegung nicht nur andeuten, sondern symbolisch ermöglichen. Der Übergang wird nicht beobachtet, sondern vollzogen.
Die goldenen Schuhe – Gehen ins Jenseits
Ebenso eindrucksvoll und zugleich häufig missverstanden sind die goldenen Schuhe aus dem Grab von Cheonmachong. Auf den ersten Blick wirken sie überdimensioniert, beinahe unproportioniert. Gerade diese Größe ist jedoch der Schlüssel zu ihrem Verständnis. Die im 5. Jahrhundert n. Chr. entstandenen Fußbekleidungen waren keine Schuhe zum Gehen, sondern rituelle Grabbeigaben aus Gold, geschaffen für den Übergang in das Jenseits.
Die Schuhe bestehen aus dünnem, durchbrochen gearbeitetem Goldblech, ergänzt durch hängende Goldscheiben, die Bewegung und Klang erzeugten. Im Inneren haben sich Reste organischer Materialien erhalten, vermutlich Textilien oder Leder, die ursprünglich den eigentlichen Fuß umschlossen. Das Gold bildete die äußere, sichtbare Schicht – die dauerhafte, unveränderliche Hülle, während das Vergängliche im Inneren lag.
Ihre übergroße Form ist keine Fehlanpassung, sondern bewusste Überhöhung. In der rituellen Logik des Silla-Reiches wurde der Körper des Herrschers im Grab nicht naturalistisch wiedergegeben, sondern symbolisch gesteigert. Größe bedeutete Präsenz, Bedeutung und Macht. Die Schuhe stehen für Standfestigkeit und Richtung – für das Weitergehen des Herrschers über den Tod hinaus. Sie markieren keinen Ort des Stillstands, sondern einen Weg.
In der Weltvorstellung des frühen Silla benötigte der Herrscher auch nach dem Tod alles, was seine Rolle definierte: Würde, Ordnung und die Fähigkeit, sich zwischen den Sphären zu bewegen. Die goldenen Schuhe sind daher keine Grabbeigabe im passiven Sinn, sondern ein aktives Symbol des Übergangs. Sie machen sichtbar, dass der Verstorbene nicht endet, sondern seine Funktion fortsetzt – nicht mehr auf der Erde, sondern im Gefüge einer kosmischen Ordnung.
Die im Grab gefundenen goldenen Schuhe erscheinen auf den ersten Blick überdimensioniert und unpraktisch. Gerade diese Überhöhung verweist jedoch auf ihre symbolische Funktion. Sie waren nicht zum realen Gehen bestimmt, sondern zum rituellen Fortschreiten. Im frühen Silla wurde Bewegung als Ausdruck von Übergang verstanden, nicht als zielgerichtete Fortbewegung. Die Schuhe markieren den Beginn eines Weges, dessen Ziel nicht definiert ist. Der Verstorbene bleibt in Bewegung, ohne je anzukommen. Gehen wird so zum Sinnbild des fortdauernden Übergangs zwischen Diesseits und Jenseits.
Die rituellen Objekte aus dem Grab von Cheonmachong zeigen, dass der Tod im frühen Silla nicht als Stillstand verstanden wurde. Es gab religiöse Vorstellungen im Silla-Reich. Klang, Bewegung und symbolisches Gehen hielten den Übergang offen und wirksam. Selbst im vollständig verschlossenen Grab blieb der Verstorbene Teil eines aktiven, bedeutungsvollen Weltgefüges.







