Stadtmauer von Visby auf Gotland
Die Stadtmauer von Visby auf der Insel Gotland gilt als eines der eindrucksvollsten Beispiele mittelalterlicher Befestigungskunst im Ostseeraum. Die Stadtmauer von Visby umschließt die ehemalige Hansestadt wie ein stiller Zeuge vergangener Macht und Bedeutung. Bis heute prägt sie das Stadtbild und vermittelt einen starken Eindruck historischer Kontinuität. Ihre Präsenz verbindet Vergangenheit und Gegenwart auf einzigartige Weise.
Als Verteidigungsanlage entstand die Stadtmauer von Visby in einer Zeit intensiven Handels und wachsender politischer Spannungen. Kaufleute, Seefahrer und Reisende fanden hinter ihren Mauern Schutz und Sicherheit. Zugleich spiegelte sie den Wohlstand und das Selbstbewusstsein der Stadt wider. Visby wurde so zu einem bedeutenden Zentrum der Region.
Die Befestigungen dienten nicht nur militärischen Zwecken, sondern waren auch Ausdruck bürgerlicher Organisation. Sie markierten Grenzen, regelten den Zugang und strukturierten das Leben innerhalb der Stadt. Die Mauer wurde damit Teil der städtischen Identität. Ihr Erhalt zeigt bis heute den Stolz der Bewohner auf ihre Geschichte.
Rund um die Stadt entstand ein komplexes System von Wehranlagen. Diese boten Schutz gegen äußere Bedrohungen und stärkten zugleich die Stellung Visbys im Ostseeraum. Ihre Gestaltung folgte den Anforderungen der Zeit, ohne die Harmonie des Stadtbildes zu beeinträchtigen. So vereinten sich Funktionalität und Ästhetik.
Mit ihrem weitgehend geschlossenen Verlauf vermittelt die Stadtmauer von Visby einen selten gewordenen Eindruck mittelalterlicher Urbanität. Besucher erleben hier ein Zusammenspiel aus Stein, Landschaft und Geschichte. Die Anlage lädt dazu ein, sich auf Spurensuche zu begeben. Jede Perspektive eröffnet neue Eindrücke.
Bis heute ist die Mauer eines der prägendsten Wahrzeichen Gotlands und ein zentraler Anziehungspunkt für Reisende. Sie bildet einen Rahmen für das reiche kulturelle Erbe Visbys. Ihr Zustand zeigt die Bedeutung des historischen Bewusstseins der Stadt. So bleibt sie ein Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Der Bau der Stadtmauer von Visby war kein zufälliges Ereignis, sondern das Ergebnis politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen, die sich über mehrere Jahrhunderte erstreckten. Die Auftraggeber waren dabei nicht eine einzige Person oder Institution, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Akteure, die jeweils eigene Interessen verfolgten.
Könige, lokale Machthaber, städtische Räte und wohlhabende Bürger trugen in unterschiedlichem Maße Verantwortung für Planung, Finanzierung und Ausbau. Die Mauer war somit Ausdruck sowohl herrscherlicher Autorität als auch städtischer Selbstbestimmung. Dieses Zusammenspiel machte Visby zu einer der bestbefestigten Städte des Ostseeraums und prägte das Stadtbild dauerhaft.
Der Bau der Mauern und Befestigungen von Visby
Der Einfluss der Könige und Herrscher im Ostseeraum
In der frühen Phase der Entstehung Visbys spielten die skandinavischen Könige eine ambivalente Rolle. Einerseits hatten sie ein Interesse daran, Handelsplätze und bedeutende Siedlungen ihrer Einflussgebiete zu stärken und zu schützen. Andererseits standen sie oft im Spannungsfeld lokaler Autonomiebewegungen der Städte. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass königliche Autoritäten zumindest indirekt den Ausbau der Verteidigungsanlagen und der Stadtmauer von Visby unterstützten.
Ein starkes, befestigtes Visby stabilisierte die königliche Macht und schuf geordnete Strukturen, die Handel und Abgabenaufkommen sicherten. Königliche Einwirkung äußerte sich weniger im direkten Bauauftrag, sondern vielmehr in der politischen Rahmensetzung, die die Errichtung solcher Anlagen begünstigte. In Zeiten äußerer Bedrohungen war die Zustimmung der Herrscher zu zum Bau auch der Stadtmauer von Visby ein entscheidender Faktor.
Die Rolle lokaler Machthaber und Grundbesitzer
Noch bevor Visby zur wohlhabenden Hansestadt aufstieg, hatten lokale Eliten und Grundbesitzer erheblichen Einfluss auf Schutzmaßnahmen. Sie profitierten vom wachsenden Handel und den daraus entstehenden Einnahmen und erkannten früh die Notwendigkeit einer gesicherten Infrastruktur.
Diese Gruppen unterstützten den Bau von Mauern und Wällen, weil solche Befestigungen ihren eigenen Besitz schützten und dem Handelsplatz Stabilität verliehen. Ihr Engagement äußerte sich vor allem in materieller und finanzieller Unterstützung. Auch stellte diese wohlhabende Schicht Arbeitskräfte, Baumaterialien oder Land zur Verfügung. Ohne diese regionalen Akteure wäre der Grundstein für die später monumentale Stadtmauer von Visby kaum denkbar gewesen.
Der Einfluss des Stadtrates und der bürgerlichen Selbstverwaltung
Mit dem Aufstieg Visbys zur Hansestadt änderte sich die Machtstruktur spürbar. Die städtische Selbstverwaltung, vertreten durch den Rat, wurde zum wichtigsten Entscheidungsträger in Fragen der Befestigung. Der Rat repräsentierte die Interessen der Kaufleute, Handwerker und führenden Bürger, die den wirtschaftlichen Motor der Stadt bildeten.
Diese Gruppe erkannte klar, dass eine starke Stadtmauer von Visby die Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg sein würde. Der Rat organisierte Steuererhebungen, beschloss Bauphasen, beaufsichtigte die Ausführung und regelte die Instandhaltung der Mauer. Der Bau wurde damit zu einem kollektiven Projekt der städtischen Bürgerschaft. Die Bürger waren sogar verpflichtet, bestimmte Abschnitte zu unterhalten – ein Zeichen dafür, wie zentral die Mauer in der städtischen Identität verankert war.
Die Kaufmannschaft und die Hanse als indirekte Auftraggeber
Die Kaufleute Visbys standen in enger Verbindung mit dem Hansebund, auch wenn die Stadt stets eine gewisse Eigenständigkeit bewahrte. Der überregionale Handel brachte Wohlstand, aber auch Risiken wie Piratenangriffe, Rivalitäten mit anderen Städten oder Druck durch konkurrierende Mächte. Die Hansekaufleute hatten daher ein unmittelbares Interesse daran, ihre Waren und Speicherhäuser in Visby zu schützen.
Auch wenn die Hanse als Organisation nicht offiziell Auftraggeber der Stadtmauer von Visby und den Befestigungen war, übten ihre Mitglieder erheblichen wirtschaftlichen Einfluss aus. Ihre finanziellen Beiträge, ihr politisches Gewicht und ihr Bedürfnis nach Sicherheit trugen wesentlich zur kontinuierlichen Erweiterung und Modernisierung der Mauern bei. Die Mauer wurde damit zu einem Symbol des hansischen Selbstbewusstseins und zur Garantie stabiler Handelsabläufe.
Die Stadtbevölkerung als Mitträger des Projekts
Neben den herrschenden und wohlhabenden Gruppen spielte die allgemeine Stadtbevölkerung eine unverzichtbare Rolle im Bau und Unterhalt der Befestigungen. Viele Bürger waren direkt am Bau beteiligt – ob als Handwerker, Steinmetze, Fuhrleute oder Tagelöhner. Andere unterstützten das Projekt durch Abgaben oder durch die Bereitschaft, bestimmte Abschnitte der Mauer zu pflegen.
Die Stadtmauer von Visby war damit kein Werk elitärer Kreise allein, sondern ein gemeinschaftliches Unterfangen, das den Zusammenhalt der Stadt stärkte. Jede Gruppe profitierte von der Sicherheit, die die Mauern boten, und deshalb war die Bereitschaft groß, sich am Bau zu beteiligen. Die Stadtbefestigung wurde zu einem gemeinsamen Erbe, das bis heute sichtbar ist.
Geschichte des Baus der Stadtmauer von Visby
Frühe Schutzmaßnahmen und erste Befestigungen
Die Entwicklung der Stadtmauer von Visby begann nicht mit einem klaren, einheitlichen Bauprojekt, sondern mit schrittweisen Maßnahmen, die aus der wachsenden Bedeutung des Ortes hervorgingen. Bereits im 11. und frühen 12. Jahrhundert entstanden erste Holzpalisaden und einfache Erdwerke, um den Markt- und Handelsplatz zu sichern.
Diese frühen Befestigungen dienten vor allem der Grundsicherung gegen kleinere Überfälle und boten eine erste Strukturierung des städtischen Raums. Mit zunehmendem Handelsverkehr und wachsender Bevölkerung um ca. 1150 erkannte man jedoch rasch die Grenzen dieser provisorischen Anlagen. Der Bedarf an solideren, dauerhaften Mauern wurde immer dringlicher.
Übergang von Holz zu Stein: Die erste massive Steinmauer
Die erste zusammenhängende Steinmauer entstand in der Mitte des 13. Jahrhunderts, etwa zwischen ca. 1250 und 1280, in einer Phase wirtschaftlicher Blüte, in der Visby sich zu einem zentralen Knotenpunkt des Ostseehandels entwickelte. Diese Mauer bildete den Kern der späteren Stadtmauer von Visby und ersetzte die älteren Holzbefestigungen vollständig.
Sie war deutlich niedriger und schmaler als die heutige Struktur, erfüllte aber die damals notwendigen Schutzfunktionen. Die Errichtung dieser Steinmauer bedeutete zugleich einen organisatorischen Kraftakt: Materialbeschaffung, Bauplanung und die Koordination zahlreicher Arbeitskräfte mussten aufeinander abgestimmt werden. Mit ihr etablierte sich die Vorstellung einer dauerhaft befestigten und selbstbewussten Stadtfront.
Erste Erweiterungen und architektonische Verstärkungen
Mit der wachsenden Bedeutung Visbys um das späte 13. Jahrhundert reichten die frühen Mauern bald nicht mehr aus, um der steigenden Zahl von Bewohnern und der zunehmenden wirtschaftlichen Aktivität gerecht zu werden. Zwischen etwa 1280 und 1300 wurden bestehende Abschnitte erhöht, verstärkt und teilweise verbreitert. Auch wurde der Verlauf der Stadtmauer von Visby an die sich ausdehnende Stadt angepasst.
Neue Techniken im Mauerbau und Erfahrungen aus anderen Handelsstädten flossen in diese Arbeiten ein und erhöhten die Stabilität erheblich. Diese Ausbaustufe markiert den Übergang von einer funktionalen Schutzmauer zu einer strategisch gestalteten Befestigungsanlage mit klaren Verteidigungskonzepten.
Hauptbauphase der Hochmauer
Die bedeutendste Bauphase, in der die Stadtmauer von Visby ihre eindrucksvolle Gestalt erhielt, fand im frühen 14. Jahrhundert statt, insbesondere zwischen um 1300 und 1360, einer Zeit politischer Spannungen im Ostseeraum. In dieser Phase wurde die Mauer stark erhöht und zu einer durchgehend monumental wirkenden Hochmauer ausgebaut.
Sie bildete nun einen geschlossenen Schutzring um die Stadt und spiegelte die wirtschaftliche Stärke Visbys wider. Die Bauarbeiten erfolgten abschnittsweise, um den Handel und das städtische Leben möglichst wenig zu stören. In dieser Zeit wurde die Mauer zu einem Symbol dafür, dass die Stadt bereit war, sich gegen äußere Bedrohungen zu behaupten – sowohl politisch als auch militärisch.
Späte Erweiterungen und Anpassungen an neue Waffen
Mit der Veränderung der Kriegstechnik im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert, insbesondere nach dem verstärkten Einsatz von Belagerungsgeräten und frühen Feuerwaffen, wurde die Mauer erneut angepasst. Zwischen ca. 1370 und 1450 erhielt sie zusätzliche Verstärkungen, und bestimmte Bereiche wurden so gestaltet, dass sie den Druck schwererer Angriffe besser standhielten.
Diese späteren Bauphasen der Stadtmauer von Visby dienten weniger der Erweiterung als der Optimierung der bestehenden Anlage. Die Stadt reagierte damit auf die Entwicklungen ihrer Zeit und versuchte, ihre Verteidigungsfähigkeit auch langfristig zu sichern. Die Maßnahmen zeigen, wie flexibel und langlebig das Baukonzept der Mauer war.
Nachnutzung, Erhaltung und spätere Eingriffe
Nach dem Ende ihrer militärischen Relevanz im 16. Jahrhundert veränderte sich die Funktion der Mauer grundlegend. Teile wurden repariert, andere bewusst erhalten, um den historischen Charakter der Stadt zu bewahren. In den folgenden Jahrhunderten, besonders im 18. und 19. Jahrhundert, wurden keine wesentlichen Erweiterungen mehr vorgenommen, jedoch zahlreiche Erhaltungsmaßnahmen, die bis in die Gegenwart reichen.
Die spätere Nutzung der Mauer als Denkmal zeigt, wie wichtig sie als kulturelles und architektonisches Erbe wahrgenommen wurde. Dabei handelt es sich um die jüngste „Bauphase“, geprägt von Bewahrung, Pflege und einer stetigen Anpassung an moderne Anforderungen.
Rundgang um die Stadtmauer von Visby
(Nummern entsprechen dem Lageplan)
Kruttornet (früher „Lambtornet“)
Der Turm namens Kruttornet – früher auch unter dem Namen Lambtornet bekannt – zählt zu den ältesten baulichen Relikten der Befestigungsanlage von Visby auf Gotland. Bereits im 12. Jahrhundert, konkret um etwa 1160-61, wurde dieser Turm errichtet, um den mittelalterlichen Hafenbereich der Stadt zu schützen.
Der frühere Name „Lambtornet“ (Schaf-/Lammturm) oder auch „Långbrotornet“ deutet auf regionale Sprachgewohnheiten und möglicherweise volkstümliche Bezeichnungen hin: Manche Lateiner auf Gotland nannten ihn „Lambit turris“, was so viel wie „gestörter Turm“ oder „gestürzter Turm“ bedeuten könnte – die gotländische Volkssprache wandelte dies in Lambtornet.
Architektonisch fällt auf, dass der Turm ursprünglich freistehend war und keine direkte Verbindung zu einer Toranlage hatte – er sollte primär als Wachturm am Hafeneingang fungieren. Da der damalige Meeresspiegel höher lag, stand er nahe der Küste, sodass Wellen bis an seine Mauern schlagen konnten. Dieses Standortprofil ermöglichte Bogenschützen oder Armbrustschützen, von oben her auf ankommende Schiffe zu feuern.
Zudem war der Zugang bewusst erschwert: Der Turm verfügte im Mittelalter keine große Eingangstür auf Straßenniveau, sondern eine Luke in etwa zehn Metern Höhe, die nur über eine Leiter erreichbar war – was das Eindringen feindlicher Soldaten erheblich erschwerte.
Im späteren Verlauf der Stadtgeschichte diente Kruttornet vor allem als Magazin für Schießpulver – daher der heutige Name „Pulverturm“. Während der kriegerischen Konflikte zwischen Dänemark und Schweden sowie im Zuge innerstädtischer Auseinandersetzungen wurde er mehrfach für diesen Zweck genutzt. Seine massive Bauweise mit dicken Mauern und begrenzten Öffnungen machte ihn für Lagerzwecke geeignet.
Von außen wirkt der Turm heute kräftig und wehrhaft: dicke Steinmauern, wenige Fensteröffnungen, oben ein Wehrgang oder Plattform, die einen Blick über den Hafen und das Meer bietet. Der Umstand, dass er so alt ist und relativ unverändert erhalten blieb, macht ihn zu einem besonders wichtigen Monument in der Stadtbefestigung.
Auch im heutigen Stadtbild bleibt Kruttornet ein markantes Wahrzeichen vor allem auch der Stadtmauer von Visby. Seine Nähe zur Wasserlinie (historisch wie heute) und seine Funktion als westlicher Eckpunkt der Ringmauer verleihen ihm eine Schlüsselposition. Beim Betrachten der Mauerreihe fällt sofort seine älteste Bauphase auf – die ruhigere Blockbauweise, weniger ornamentale Elemente und primär sinnstiftende Gestaltung. So zeigt Kruttornet nicht nur Verteidigungszweck, sondern auch frühstädtische Selbstbehauptung und die Verbindung von Hafen und Stadt.
Kärleksporten (dt. „Liebestor“)
Kärleksporten ist eines der jüngeren und zugleich romantischsten Tore der Stadtmauer von Visby. Es handelt sich nicht um ein mittelalterliches Haupttor, sondern um eine später entstandene Öffnung, die erst im 19. Jahrhundert geschaffen wurde, als einzelne Mauerdurchgänge für den Fußverkehr erweitert oder neu angelegt wurden.
Der Name „Liebestor“ ist volkstümlich und spiegelt den Charakter eines kleinen, eher versteckten Zugangs wider, der gern von Paaren genutzt wurde. Seine Lage an der Nordwestseite der Mauer – nahe dem Küstenbereich – macht es zu einem idyllischen Durchgang zwischen Altstadt und Natur.
Im Aussehen zeigt sich Kärleksporten deutlich bescheidener als die großen mittelalterlichen Stadttore. Es handelt sich um eine schmale, leicht spitzbogige Öffnung, die in die bestehende Mauer hineingeschlagen wurde. Anders als bei den Haupttoren wurden keine flankierenden Türme oder Wehrelemente ergänzt; die Öffnung war nicht für Verteidigungszwecke gedacht, sondern schlicht für Zugang und Begehbarkeit in der Stadtmauer von Visby. Seine Form ist schlicht, aber harmonisch in den Mauerverlauf integriert.
In der früheren Nutzung diente das Tor vor allem Fußgängern – Bürgern, die über die Promenade entlang des Meeres oder zu den am Hang gelegenen Weiden und Gärten wollten. Lange Zeit nutzten auch Fischer und Arbeiter diesen kleinen Durchgang, da er einen direkten Weg zwischen Arbeitsplätzen außerhalb der Stadt und Wohnbereichen innerhalb der Mauer bot. Später gewann er vor allem kulturelle Bedeutung als ein Ort, an dem man den Sonnenuntergang beobachten oder ungestört am Mauerhang entlanggehen konnte.
Heute ist Kärleksporten ein beliebtes Motiv für Spaziergänger und Touristen, wenn sie die Stadtmauer von Visby erkunden. Es verkörpert die Verbindung zwischen der historischen Stadtmauer und dem romantischen Bild von Visby als Ort, an dem sich mittelalterliche Architektur und Natur besonders sanft berühren. Sein Name trägt zum Charme des Tores bei und macht es zu einem der poetischsten Punkte der gesamten Maueranlage.
Sprundflaskan (dt. etwa „Spalt-Flasche“)
Der Turm Sprundflaskan trägt einen ungewöhnlichen Namen – wörtlich etwa „Spalt-Flasche“ – und befindet sich an der Strandmauer von Visby, zwischen Kruttornet und dem Eckturm Silverhättan. Laut den verfügbaren Quellen wurde er gegen Ende des 14. Jahrhunderts bzw. zu Beginn des 15. Jahrhunderts errichtet, als einer der letzten großen Turmbauten an der Ringmauer.
Die Besonderheit im Aussehen ergibt sich aus seiner Form und der Art seiner Einbindung in die Mauer: Der Turm wurde auf der Außenseite der Mauer errichtet, über einer älteren Doppeltoröffnung. Diese Doppeltoröffnung wurde bei der Errichtung des Turms zugemauert, aber eine kleinere Öffnung blieb erhalten, vermutlich als Zugang oder zur Überwachung.
Der Name „Flasche“ könnte auf die besondere Turmform hindeuten – im Querschnitt oder in der Silhouette erscheint der Turm wie eine Flasche mit schmalerem Hals und breiterem Unterteil. Der Begriff „Sprund“ meint vermutlich eine Spalte oder Öffnung – vielleicht die verbliebene kleine Öffnung der alten Doppeltore in der Stadtmauervon Visby.
Vom strategischen Standpunkt aus war Sprundflaskan eine gezielte Verstärkung der Mauer an dieser Stelle: Im Bereich der Strandmauer war die Verteidigung schwieriger, da das Gelände flacher ans Meer reichte und Angriffsmöglichkeiten von See her bestanden. Mit diesem Turm wurde also eine Schwachstelle gezielt geschlossen und der Verteidigungsgürtel abgerundet. Beim Bau kamen die jüngeren Techniken des späten Mittelalters zum Einsatz: dickere Mauern, mit Blick auf Kanonen oder spätere Feuerwaffen – zumindest war die Bauzeit nahe genug, dass man solche Entwicklungen im Hinterkopf hatte.
Seine heutige Erscheinung zeigt einen kräftigen Steinbau mit wenigen Öffnungen nach außen, einem Wehrgang oben und Schießscharten flankiert durch massive Strebepfeiler. Im Umfeld des Turms kann man noch die alte Mauerlinie erkennen und an der Basis Reste der Toröffnung aus der früheren Phase. Für Besucher sichtbar ist, wie der Turm sich subtil von älteren Bauabschnitten unterscheidet – sorgfältiger gemauerte Steine, größere Fensteröffnungen oben, und ein breiterer Sockel.
Sprundflaskan steht heute als Zeugnis der späten Ausbauphase von den Befestigungen und der Stadtmauer von Visby: Er erinnert daran, dass die Stadt bis ins späte Mittelalter hinein ihre Verteidigung hoch hielt und sich den neuen Anforderungen anpasste. Er ist außerdem ein markantes Beispiel dafür, wie ältere Bauwerke (wie die Doppeltoröffnung) später überbaut und integriert wurden – ein sichtbares Stück Baugeschichte im Stein.
Murfallet (dt. etwa „Mauerbruch“)
Unter dem Namen Murfallet versteht man eine markante Öffnung in der äußeren Strandmauer von Visby – nicht ein klassischer Turm, sondern eher ein Bauteil bzw. eine Schwachstelle in der Mauerlinie. Der Name bedeutet wörtlich „Mauer-Fall“ oder „Mauereinbruch“, und tatsächlich handelt es sich um einen Abschnitt, der vermutlich durch Einsturz oder unzureichende Bauweise entstanden ist.
Die Position dieser Öffnung liegt im nordwestlichen Teil der Stadtmauer von Visby, nahe dem Eckturm Silverhättan und zwischen den Türmen Sprundflaskan und Jungfrutornet. Dieser Bereich war ursprünglich durchgängig mit Steinmauer und Turmbauten geschützt. Doch im Laufe der Zeit zeigte sich hier eine Schwäche: Der Bau war möglicherweise nicht stabil genug oder der Untergrund instabil, sodass ein Teil der Mauer nachgab und zusammenbrach. Die Öffnung entstand nicht zwingend durch Kampfhandlungen, sondern könnte einfach durch statische Versagen bzw. Bodensetzung entstanden sein.
Architektonisch zeigt sich Murfallet heute als rechteckiger Durchgang in der ansonsten geschlossenen Mauerlinie. Im Mittelalter war dort kein reguläres Tor eingerichtet – die Öffnung entstand erst später bzw. wurde später genutzt. Heute dient der Durchgang als Verbindung zwischen dem Strandpromenadenweg und der inneren Stadtfläche, und er erlaubt inzwischen auch Verkehr – früher war die Passage vermutlich Teil einer Nutzung oder Herrichtung für Fahrzeuge oder Fußgänger.
Interessant ist, dass diese Öffnung eine Art Zeugnis dafür darstellt, wie mittelalterliche Mauerkonstruktionen mit der Zeit sich veränderten: Einst Verteidigungsbau, später durch Brüche, Umnutzung und Modernisierung zum Bestandteil des städtischen Verkehrs. So zeigt Murfallet nicht nur die originale Funktion der Ringmauer, sondern auch deren Wandel – von Wehrbau zur Durchgangsöffnung.
Außerdem wird hier deutlich, wie die Topographie – die Nähe zum Meer, der ansteigende Untergrund – die Bauqualität beeinflusste und wie nachträgliche Eingriffe die Stadtstruktur veränderten. Für den Besucher ist dieser Abschnitt von besonderem Interesse: Man kann die Bruchkante sehen, die zum Meer hin gerichtete Mauer zeigt Unregelmäßigkeiten in Mauerwerk und Fundament, und der Durchgang illustriert einen modernen Umgang mit einem historischen Bauwerk – wie eine mittelalterliche Verteidigungsanlage und die Stadtmauer von Visby heute Teil des städtischen Wegesystems geworden ist.
Jungfrutornet (dt. „Jungfrauenturm“)
Jungfrutornet ist ein verhältnismäßig kleines, aber mythenumwobenes Bauwerk an der Strandmauer von Visby. Er wurde im 15. Jahrhundert errichtet (oft genannt: Beginn des 1400 er Jahre) mit der Aufgabe, die Verteidigungsfähigkeit der Stadtmauer gegen Angriffe vom Meer her zu verbessern – insbesondere an einem Abschnitt, der als schwächer erachtet wurde.
Der Name „Jungfrutornet“ verweist auf eine Legende: Es heißt, die Tochter des Nils Guldsmed aus Unghanse habe 1361 unter dem Einfall von Valdemar IV of Denmark die Stadt verraten, indem sie den Dänen Zutritt gewährte; als Strafe soll sie im Turm eingemauert worden sein. Allerdings zeigt neuere Forschung, dass der Turm zu jener Zeit noch gar nicht existierte – die Legende entstand offenbar erst im 18. oder 19. Jahrhundert.
Architektonisch unterscheidet sich Jungfrutornet durch seine kompakte Form und die Lage an einem besonders exponierten Meerabschnitt. Da der Bau auf einer etwas instabileren Mauerlinie errichtet wurde, diente er nicht nur defensiv, sondern auch als Verstärkungsbau der Mauer selbst.
Die Außenmauern sind kräftig, aber nicht übertrieben massiv – es handelt sich mehr um einen ergänzenden Turm als um einen großen Hauptturm. Innen sind Reste von Schießscharten vorhanden, und außen erkennt man die Verbindung des Turms mit der Ringmauer – also kein selbstständiger Kastellbau, sondern ein integrierter Teil der Verteidigungsanlage.
Für die frühere Nutzung bedeutet dies: Der Turm diente primär der Bewachung der Strandseite, konnte Blick über das Meer und die Küste werfen, und bot Position für Bogenschützen oder später Feuerwaffen. Zudem fungierte er als Teil des städtischen Warn- und Signalnetzwerks – von hier aus konnte man auf See kommende Schiffe früh entdecken und Alarm schlagen. Die Legende verleiht dem Turm eine zusätzliche kulturelle Bedeutung – bei mittelalterlichen Stadtführungen wird die Geschichte von der immerten Jungfrau gern erzählt, auch wenn sie historisch nicht belegt ist.
Heute ist Jungfrutornet ein häufig besuchter Punkt entlang der Stadtmauer von Visby, gerade weil er sowohl architektonisch als auch historisch interessant ist. Sein Standort an der Strandpromenade macht ihn gut zugänglich, und die kleine Größe macht ihn besonders charmant – ein Turm, der weniger durch Größe als durch Geschichte und Lage beeindruckt. Für Besucher stellt er ein Stück mittelalterlicher Verteidigungsarbeit dar und zugleich ein Beispiel dafür, wie Legenden den historischen Baukörper überlagern.
Silverhättan / Kames (dt. „Silberhäubchen“ bzw. spätere Bezeichnung „Kames“)
Der Turm Silverhättan, später auch unter dem Namen Kames bekannt, befindet sich an der Ecke zwischen der Strandmauer und der nördlichen Mauerlinie von Visby – eine strategisch besonders bedeutende Position. Er gilt als einer der jüngsten Türme an der Ringmauer und wurde errichtet in der Zeit, als der Teutonic Order (Deutschorden) auf Gotland herrschte, also etwa zwischen 1398 und 1408.
Der Name Silverhättan („Silber-Häubchen“) rührt daher, dass der Turm einst ein silberfarbenes Dach trug – wahrscheinlich ausbleitem Blech oder bleierner Platte, wodurch das Dach glänzte. ([guteinfo.com][10]) Der spätere Name Kames erscheint im 17. Jahrhundert und stammt vom lateinischen «comes» (Graf) ab – hier spiegelt sich ein Wandel der Gebäudenutzung bzw. der Wahrnehmung im Lauf der Zeit.
Baulich fällt auf, dass Silverhättan deutlich verstärkt wurde: An der Außenecke steht der Turm mit zwei großen Strebepfeilern, die das Gebäude gegen seitliches Ausbrechen und starke Angriffe stabilisieren. Zudem sind die Schießscharten und Öffnungen auf spätere Feuer- und Kanonenwaffen ausgelegt – ein Zeichen, dass man hier bereits an moderne Verteidigungsformen dachte. Die Funktion war klar: Als Eckturm übernahm Silverhättan die Aufgabe, sowohl den Küstenabschnitt als auch die angrenzende Landseite zu überwachen und wehrtechnisch zu sichern.
In früherer Nutzung war der Turm vermutlich ein wichtiger Knotenpunkt im Warn- und Verteidigungsnetz der Stadt und betonte schon früh die bedeutung der Stadtmauer von Visby: Vom oberen Wehrgang aus konnte man Signale senden, Boote im Anmarsch erkennen und gegebenenfalls Kanonen oder schwere Geschütze einsetzen. Die massive Bauweise und die späte Errichtung deuten darauf hin, dass man mit stärkeren Bedrohungen (z. B. durch dänische oder andere Mächte) rechnete und entsprechend vorsorgte.
Heute ist Silverhättan ein beeindruckendes Beispiel für die späte mittelalterliche bzw. frühneuzeitliche Umrüstung einer Stadtbefestigung. Der Turm zeigt den Übergang von rein mittelalterlicher Verteidigung (Bogenschützen, Wehrgang) hin zu einer Ära mit Kanonen und regulären Artillerie-Stellungen. Er steht damit nicht nur für eine Phase im Bauprogramm der Ringmauer, sondern auch für einen Wandel der Kriegstechnik – und bleibt als historisches Monument ein prägender Eckpunkt der Stadtmauer von Visby.
Snäckgärdsporten (dt. „Schnecken-Garten-Tor“)
Snäckgärdsporten ist eines der nördlichen Tore der Stadtmauer von Visby und wurde als Durchgang in einem Abschnitt angelegt, der früher durch Gärten, Werkstätten und Wirtschaftsflächen geprägt war. Der Name verweist auf das Gelände nördlich der Stadt, das Snäckgärd genannt wurde – eine Region, in der im Mittelalter kleinere landwirtschaftliche Nutzflächen und einfache Wohnstätten lagen. Das Tor selbst stammt aus dem Hochmittelalter, vermutlich aus dem späten 13. Jahrhundert, als die Stadtmauer ihre Grundform annahm.
Architektonisch handelt es sich um ein vergleichsweise kleines, funktionales Tor mit einer schlichten Durchgangsform. Es besitzt keinen großen Torturm wie die wichtigsten Stadteingänge, sondern eher eine einfache Tordurchfahrt mit leicht verstärkten Mauerwänden. Der Hauptzweck bestand darin, den Zugang zum nördlichen Umland zu erleichtern, ohne ein großes, starkes Haupttor zu benötigen.
Die Position nahe der später errichteten Türme Silverhättan und Jungfrutornet zeigt, dass die Region taktisch zwar nicht unbedeutend war, aber nicht denselben Verteidigungsdruck erlebte wie die westlichen oder südlichen Stadteingänge.
Früher diente Snäckgärdsporten vor allem lokalen Bauern, Fischern und Handwerkern als alltäglicher Zugangspunkt. Durch dieses Tor gelangten Waren wie Fisch, Holz, Gemüse und Felle in die Stadt. Der Weg durch das Tor war Teil des Alltagsrhythmus einer mittelalterlichen Handelsstadt – viele Menschen nutzten diesen Durchgang täglich, ganz ohne die feierliche Bedeutung der großen Haupteingänge.
Heute ist Snäckgärdsporten ein eher ruhiger Ort innerhalb der Stadtmauer von Visby. Der Durchgang ist erhalten, aber weniger monumental als andere Tore, was ihm eine angenehme Bescheidenheit verleiht. Besucher schätzen diesen Teil der Mauer besonders wegen seines authentischen Charakters und der Nähe zur Natur nördlich von Visby.
Lübeckerbräschen (dt. „Lübecker-Bresche“)
Das Lübeckerbräschen ist eine symbolträchtige Stelle der Stadtmauer von Visby, an der im 16. Jahrhundert eine große Bresche entstand, verursacht durch militärische Auseinandersetzungen. Sie erinnert an jene Zeit, in der die Hansestadt Visby unter Druck lag und die Machtverhältnisse im Ostseeraum neu ausgehandelt wurden. Der Name deutet auf die Verbindung zur Stadt Lübeck hin, die in dieser Epoche ein bedeutender Akteur im Hansebund war und Einfluss auf Gotland ausübte.
Der Mauerabschnitt selbst zeigt eine deutliche Unterbrechung – eine große Öffnung, die nicht auf natürliche Verwitterung zurückzuführen ist, sondern auf einen gezielten militärischen Eingriff. Die Ränder der Bresche zeigen noch heute Spuren von Einsturz und späteren Sicherungsmaßnahmen. Anders als die meisten Tore und Türme stellt dieser Ort kein funktionales Bauelement dar, sondern ein historisches Ereignis, das sich in Form einer baulichen Wunde im Mauerverlauf erhalten hat.
Früher markierte das Lübeckerbräschen eine Schwachstelle, die das Verteidigungssystem der Stadt beeinträchtigte. Es dürfte Jahre gedauert haben, bis die Stadtverwaltung den Abschnitt stabilisierte – und in manchen Phasen blieb die Öffnung möglicherweise bewusst erhalten, um als Warnung zu dienen oder neue Verkehrswege zu ermöglichen.
Heute ist das Lübeckerbräschen ein eindrückliches Mahnmal der Konfliktgeschichte Visbys. Es zeigt, dass die Stadtmauer von Visby nicht nur ein Symbol von Macht und Schutz war, sondern auch Schauplatz von Zerstörung und politischen Umbrüchen. Besucher spüren an dieser Stelle die Dramatik der Vergangenheit besonders deutlich.
Tranhustornet (dt. etwa „Gerbhaus-Turm“)
Tranhustornet befindet sich im nördlichen Abschnitt der Stadtmauer von Visby und gehört zu den markanten Turmbauten, die im 13. und frühen 14. Jahrhundert entstanden. Er wurde vermutlich um 1300 errichtet, also in einer Phase, in der die Stadtmauer bereits deutlich verstärkt und erhöht wurde. Der Name verweist auf ein früher in der Nähe gelegenes Gebäude, ein sogenanntes „Tran-hus“, also ein Gerb- oder Gerberhaus, in dem Häute behandelt wurden. Dadurch erhielt der Turm eine besondere lokale Identität und war eng mit dem wirtschaftlichen Leben der Stadt verbunden.
Baulich ist Tranhustornet ein typischer Mauerflankenturm des mittleren Ausbaustadiums der Visbyer Befestigungen. Er steht direkt auf dem Mauerverlauf und besitzt eine rechteckige Grundform mit robusten Außenmauern. Die Schießscharten sind für Bogenschützen und Armbrustschützen ausgelegt und zeigen, dass der Turm eindeutig für die klassische mittelalterliche Verteidigung konzipiert wurde. Seine Bauweise ist weniger massiv als die spätmittelalterlichen Türme, aber deutlich stabiler als jene der frühen Mauerphase.
Früher diente Tranhustornet der Kontrolle über einen besonders belebten nördlichen Abschnitt vor der Stadt. In seiner Nähe lagen Werkstätten, Handelswege sowie Zufahrtsbereiche, die regelmäßig bewacht werden mussten. Der Turm bot Kartenwächtern und bewaffneten Bürgern eine erhöhte Position, um Bewegungen entlang der Landseite frühzeitig zu erkennen.
Heute zählt Tranhustornet zu den charakteristischen Elementen der nördlichen Mauerlinie. Sein Name erinnert noch immer an das alte Handwerk der Gerber, das im mittelalterlichen Visby eine wichtige Rolle spielte. Der Turm verkörpert das Zusammenspiel zwischen städtischem Wirtschaftsleben und Verteidigungsarchitektur – ein Beispiel dafür, wie eng Alltagswelt und militärische Sicherung in einer Hansestadt miteinander verbunden waren.
Sankt Göransporten (dt. „Sankt-Georgs-Tor“)
Sankt Göransporten befindet sich an der nördlichen Mauerlinie und ist nach dem nahegelegenen Sankt-Görans-Gebiet benannt, das im Mittelalter durch das bekannte Leprosorium und die dazugehörige Kirche geprägt war. Dieses Tor hatte eine besondere Bedeutung, da es jener Zugang war, über den Kranke und Hilfesuchende aus den äußeren Bezirken Visbys die Stadt erreichten, aber auch Pilger und Reisende, die nördlich der Stadt ankamen. Das Tor stammt aus der Hochphase der Mauerentwicklung, vermutlich Anfang des 14. Jahrhunderts.
Architektonisch ist Sankt Göransporten etwas stärker ausgeführt als manche der kleineren Nebentore. Seine Öffnung ist breiter, und der Torbogen wirkt stabiler und höher als bei schlichten Fußgängerdurchlässen. Eine Besonderheit ist die leichte Asymmetrie des Aufbaus, die darauf schließen lässt, dass das Tor mehrmals verändert oder angepasst wurde. Dies könnte mit dem regen Verkehr zusammenhängen, der hier stattfand – nicht zwingend militärisch, sondern zivil und religiös geprägt.
Früher war dieses Tor der wichtigste Zugang zum Sankt-Görans-Komplex außerhalb der Stadt. Der Weg führte entlang der Küste und öffnete sich an genau der Stelle, die für Besucher der Kirche oder der Hospitale am nächsten lag. Dies verlieh dem Tor eine gewisse kulturelle und spirituelle Bedeutung. Gleichzeitig diente es als praktischer Zugang für die Einwohner, die außerhalb der Stadt Felder bewirtschafteten oder Handel betrieben.
Heute wird Sankt Göransporten von vielen Besuchern genutzt, die den nördlichen Stadtteil erkunden oder den Weg zur Küste wählen. Es vermittelt ein Gefühl von Übergang zwischen dem historischen Stadtkern und dem offenen Gelände. Die ruhige Atmosphäre dieses Tores erinnert daran, wie vielfältig die Funktionen einer mittelalterlichen Stadtmauer sein konnten – Schutz, Zugang, Versorgung und spirituelle Verbindung.
Långa Lisa (dt. „Lange Lisa“)
Långa Lisa ist einer der markantesten Türme an der Stadtmauer von Visby und der höchste erhaltene Turm der gesamten Anlage. Er erreicht eine Höhe von etwa 23 Metern und wurde gegen Ende der 1290er-Jahre errichtet, als die Landseite der Mauer umfassend verstärkt wurde. Sein Name „Lange Lisa“ bezieht sich direkt auf seine auffallende Höhe und ist eine volkstümliche Bezeichnung, die bereits im Mittelalter gebräuchlich war.
Der Turm besitzt sechs Stockwerke – eines mehr als die meisten anderen Türme der Mauer. Seine massiven Außenmauern zeugen von der strategischen Bedeutung dieser Position. In seinem oberen Teil wurden bei früheren Untersuchungen Reste mittelalterlicher Geschosse gefunden, was darauf hinweist, dass man den Turm aktiv zur Verteidigung nutzte. Seine Höhe machte ihn zu einem idealen Standort für Beobachtung, Frühwarnung und den Einsatz von Fernwaffen.
Früher diente Långa Lisa in der Stadtmauer von Visby vor allem der Überwachung der Landseite Visbys. Von hier aus konnte man herannahende Truppen oder Reisende bereits früh erkennen und das städtische Verteidigungssystem rechtzeitig in Alarmbereitschaft versetzen. Gleichzeitig war der Turm Teil jener Bauphase, in der die Stadtmauer zunehmend höher und robuster gestaltet wurde.
Heute gilt Långa Lisa als Wahrzeichen der Wehrhaftigkeit Visbys. Seine Höhe, seine Eleganz und seine weitgehend unveränderte mittelalterliche Form machen ihn zu einem zentralen Punkt der Ringmauer. Er vermittelt anschaulich, wie strategisches Denken und sorgfältige Handwerkskunst im mittelalterlichen Visby ineinandergreifen.
Norderport (dt. „Nordtor“)
Norderport ist eines der vier großen historischen Haupttore Visbys und eines der am besten erhaltenen. Es wurde im späten 13. Jahrhundert errichtet, als die Mauer ihre monumentale Form erhielt. Das Tor war der wichtigste Zugang von Norden und verband die Stadt mit dem Landweg, der über das nördliche Gotland führte. Als Haupttor war es architektonisch deutlich ausgeprägter als kleinere Durchgänge und besaß eine ausgebaute Torkonstruktion mit hohen flankierenden Mauerelementen.
Im Aussehen präsentiert sich Norderport als repräsentativer, spitzbogiger Tortunnel mit breiten Mauern und einer Form, die Verteidigung und Repräsentation zugleich betonte. Hier konnten Händler, Reisende, Pilger und Gesandte die Stadt betreten. Im Mittelalter war dies einer der verkehrsreichsten Punkte der gesamten Anlage. Zudem gehörte Norderport zu jenen Toren, die bei Angriffen besonders stark verteidigt wurden. Die Konstruktion mit mehreren Durchgängen und einer massiven Oberkonstruktion bot ausreichenden Schutz gegen feindliches Eindringen.
Früher war Norderport nicht nur ein verkehrstechnischer Zugang, sondern auch ein sozialer Treffpunkt. Marktleute bauten häufig Stände vor dem Tor auf, und Reisende, die spät ankamen, lagerten oftmals vor diesem Durchgang. Das Tor war eine Art urbanes Scharnier: außerhalb pulsierte das Land und seine Wege, innerhalb begann die dichte Altstadtstruktur Visbys.
Heute ist Norderport eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Es ist architektonisch eindrucksvoll und steht symbolisch für die große Hansezeit Visbys. Besucher erleben hier besonders direkt die mittelalterliche Atmosphäre, die die Stadtmauer bis heute ausstrahlt.
Mynthuset (dt. „Münzhaus“)
Mynthuset bezeichnet einen besonderen Abschnitt der Stadtmauer im nördlichen Bereich Visbys, an dem sich einst ein Gebäude befand, das traditionell mit Münzprägung oder der Aufbewahrung von Wertsachen in Verbindung gebracht wird. Auch wenn die genaue historische Funktion nicht vollständig geklärt ist, deutet der Name auf eine wirtschaftliche Bedeutung hin: Hier könnte im Mittelalter ein kleiner Münzprägebetrieb, ein Lager für Handelsmünzen oder ein städtischer Schatzort existiert haben. Ein solches Gebäude wäre im wirtschaftlich florierenden Visby keine Seltenheit gewesen.
Der Mauerabschnitt selbst ist architektonisch interessant, da er bauliche Spuren eines angefügten Hauses zeigt. Teile des Mauerwerks lassen erkennen, dass hier ein Gebäude direkt an die Stadtmauer angebaut war. Die Wände sind stärker ausgebildet, und man erkennt Fundamente oder Maueranschlüsse, die über die reine Wehrfunktion hinausgingen. Dieser Bereich der Mauer war daher sowohl Teil des Verteidigungssystems als auch Teil eines wirtschaftlichen oder administrativen Komplexes.
Früher könnte Mynthuset eine Rolle in der Verwaltung des Handels gespielt haben. Kaufleute, die mit wertvollen Gütern handelten, benötigten sichere Orte, und die robuste Mauer bot ideale Voraussetzungen. Denkbar ist auch die Nutzung als Zollstation, Lagerraum für kostbare Handelswaren oder als städtischer Verwaltungssitz.
Heute ist das Mynthuset ein Beispiel dafür, wie flexibel die Stadtmauer genutzt wurde. Sie war nicht nur Verteidigungsanlage, sondern auch Infrastruktur für städtische Verwaltungs- und Wirtschaftsbereiche. Die baulichen Überreste vermitteln ein faszinierendes Bild davon, wie eng Mauern und Gebäude miteinander verwoben waren.
Smörasken (dt. „Butterdose“)
Smörasken ist eine kleine, aber auffällige Ausbuchtung oder Verstärkung der Stadtmauer, deren volkstümlicher Name auf ihre kompakte, kastenartige Form anspielt. Der Abschnitt befindet sich an der südlichen Mauerlinie und gehört zu jenen Mauerbereichen, die speziell zur Stabilisierung errichtet wurden. Seine Form ähnelt einer kleinen Bastion oder einem Mauerblock, der zur Abstützung der Mauer dient.
Architektonisch ist Smörasken besonders bemerkenswert, da es anders als die Türme keine vertikale Struktur bildet, sondern eine massive Verstärkung der Mauerbreite. Der Bereich wirkt fast wie ein vorspringender Stützpfeiler, der gleichzeitig eine minimale Verteidigungsplattform bot. Häufig wurden solche Mauerverdickungen verwendet, um instabile Böden oder gefährdete Abschnitte zu sichern.
Früher diente Smörasken vor allem der Stabilität und der Kontrolle eines kleinen Geländebereichs. Soldaten oder Wächter konnten von der Ausbuchtung aus besser entlang der Mauer agieren, ohne dass ein vollwertiger Turm nötig war. Gleichzeitig konnten hier Baumaterial, Waffen oder Vorräte gelagert werden – der Name könnte sich sogar auf eine frühere Lagerfunktion beziehen, denn in mittelalterlichen Bezeichnungen wurden Alltagsgegenstände häufig zur Benennung architektonischer Formen herangezogen.
Heute bildet Smörasken ein charmantes und eigenwilliges Detail der Stadtmauer. Es zeigt, wie vielfältig die Lösungen waren, mit denen die Stadt ihre Mauer an das Gelände und die Anforderungen der Zeit anpasste. Dieser Abschnitt beweist, dass Funktionalität und volkstümliche Kreativität oft Hand in Hand gingen.
Brunnsporten (dt. „Brunnen-Tor“)
Brunnsporten liegt im inneren, östlichen Abschnitt der Stadtmauer und gehört zu den eher kleinen, aber historisch bedeutenden Toren. Seinen Namen trägt es nach einem Brunnen oder einer Wasserstelle in der Nähe des Tores, die im Mittelalter für die Versorgung der umliegenden Bewohner wichtig war. Der Bau des Tores fällt wahrscheinlich in das 13. Jahrhundert, als die Ostseite der Mauer verstärkt und mit kleineren Zugängen versehen wurde.
Das Tor selbst ist architektonisch schlicht. Es handelt sich um eine relativ enge, beinahe rechteckige Öffnung mit einem unscheinbaren Bogen. Es war kein Tor für Wagenverkehr, sondern diente primär Fußgängern und kleinen Lastenträgern. Die Funktion des Tores war weniger militärisch, sondern mehr alltagsbezogen: Es bot einen direkten Zugang zu landwirtschaftlichen Nutzflächen, Gärten und Wasserstellen östlich der Stadt.
Früher nutzten vor allem Bewohner der nahegelegenen Stadtviertel diesen Durchgang, um Wasser zu holen oder kurze Wege außerhalb der Mauer zurückzulegen. Auch Handwerker und Händler, die mit landwirtschaftlichen Gütern arbeiteten, schätzten diesen direkten Zugang. Die geringe Breite des Tores deutet darauf hin, dass hier kein reger Fernverkehr stattfand – es war ein lokaler Zugangspunkt.
Heute bleibt Brunnsporten ein stilles, charmantes Detail der Visbyer Stadtmauer. Es erinnert daran, dass die Mauer nicht nur ein militärischer Schutzwall war, sondern zugleich eine Grenze, über die das alltägliche Leben der Menschen organisiert wurde. Um solche Tore herum spielte sich oft der unspektakuläre, aber fundamentale Alltag einer mittelalterlichen Stadt ab.
Dalmanstornet (dt. „Dalman-Turm“)
Dalmanstornet liegt im Südosten der Stadtmauer und ist einer der großen und auffälligeren Türme. Sein Bau wird auf Anfang des 14. Jahrhunderts datiert, eine Zeit politischer Spannungen und Vorbereitung auf mögliche Angriffe. Der Name bezieht sich vermutlich auf eine bedeutende Familie oder einen städtischen Amtsträger, der mit dem angrenzenden Grundstück oder der Bewachung betraut war.
Im Erscheinungsbild wirkt Dalmanstornet besonders wuchtig. Er besitzt eine hohe, leicht trapezförmige Struktur mit mehreren Innenebenen und ursprünglich einem Turmdach oder Wehrplattform. Die Schießscharten sind großzügig ausgeführt und erlaubten sowohl horizontales Feuer entlang der Mauer als auch vertikale Verteidigung nach unten. Seine Position am leicht erhöhten Gelände macht ihn zudem zu einem hervorragenden Beobachtungspunkt über die südöstliche Umgebung der Stadt.
In der früheren Nutzung war Dalmanstornet ein zentraler Standort für die Stadtbewachung. Er bildete einen wichtigen Stützpunkt entlang eines Abschnitts, der im Mittelalter stärker von Landzugängen geprägt war. Von hier aus konnten Patrouillen starten, Signale weitergegeben und Angriffe koordiniert werden. Da südöstlich außerhalb der Mauer wichtige Verkehrswege vorbeiführten, hatte der Turm eine strategische Kontrollfunktion.
Heute beeindruckt Dalmanstornet durch seinen massigen Aufbau, der gut erkennen lässt, wie ernst Visby seine Verteidigungsaufgaben nahm. Seine Bauweise zeigt die typischen Merkmale der großen Mauertürme: kräftige Wände, geschichtete Steinlagen, klare verteidigungstechnische Ausrichtung. Er steht stellvertretend für die große Ausbauphase der Mauer und vermittelt eindrücklich das Selbstbewusstsein der mittelalterlichen Stadt.
Sparbössan (dt. „Sparbüchse“)
Sparbössan ist ein kleines, nahezu rechteckiges Mauersegment im südlichen Abschnitt der Stadtmauer, dessen Name auf seine kompakte Form verweist. Wie der Name „Sparbüchse“ andeutet, wirkt dieser Teil der Mauer wie eine gedrungene, stabile Box. Er entstand vermutlich im späten 13. Jahrhundert als Verstärkung eines früher schwächeren Mauerfeldes.
Architektonisch ist Sparbössan bemerkenswert, weil sie die Struktur einer kleinen Bastion oder Mauererweiterung besitzt. Im Gegensatz zu Türmen bietet dieser Abschnitt keine große Höhe, sondern zusätzliche Breite und Stabilität. Die Mauer ist hier deutlich massiver, was darauf hinweist, dass dieser Bereich besonderen Belastungen ausgesetzt war – sei es durch Geländeformen, durch Erddruck oder durch strategische Erwägungen.
Früher nutzte man Sparbössan wohl ähnlich wie Smörasken als Standort für Wachposten oder als Stützpunkt für Verteidiger. Gleichzeitig erlaubte die verstärkte Struktur, Vorräte oder schwerere Gegenstände direkt in die Mauer einzulagern. Die Bezeichnung könnte auf eine spätere volkstümliche Assoziation zurückgehen: Eine kleine, stabile Box, die etwas „sicher verwahrt“.
Heute ist Sparbössan ein anschauliches Beispiel dafür, wie kreativ die mittelalterlichen Baumeister Visbys bei der Anpassung der Mauer vorgingen. Es wirkt beinahe humorvoll, dass ein solches Verteidigungselement einen Namen erhielt, der an einen Alltagsgegenstand erinnert. Dies zeigt, wie eng die Menschen mit ihren Befestigungsanlagen verbunden waren.
Österport (dt. „Osttor“)
Österport ist eines der großen und wichtigsten Stadttore Visbys und markierte den Haupteingang von der östlichen Landseite. Es wurde im späten 13. Jahrhundert errichtet und war von Anfang an als repräsentatives und stark befestigtes Tor geplant. Der Weg, der hier in die Stadt führte, verband Visby mit den wichtigsten Landesrouten Richtung „Inselinneres“ und weiteren Siedlungen Gotlands.
Das Tor ist architektonisch beeindruckend. Ein großer Spitzbogen bildet den äußeren Durchgang, flankiert von massiven Mauerverstärkungen. Früher gab es hier vermutlich ein hölzernes Torwerk mit Torflügeln sowie eine innere Durchgangszone, die den Verkehr regulierte. Österport musste sowohl Schutz als auch Repräsentation bieten: Händler, Geistliche, Bauern und Gesandte betraten die Stadt häufig über diesen Zugang.
Früher war Österport ein Knotenpunkt für Waren- und Personenverkehr. Händler mit Pferde- oder Ochsenkarren passierten diesen Zugang, ebenso wie Pilger und Reisende aus den östlichen Regionen. Die Umgebung unmittelbar außerhalb des Tores diente oft als Sammelplatz für Marktleute oder als Rastplatz für Ankommende. Zudem war das Tor in Kriegszeiten ein wichtiger Verteidigungspunkt – seine massive Bauweise spricht dafür, dass die Stadt hier besondere Stabilität benötigte.
Heute ist Österport ein lebendiger Durchgang zwischen Altstadt und moderner Stadtstruktur. Es zählt zu den charakteristischsten und bekanntesten Toren Visbys und vermittelt den Besucherinnen und Besuchern einen starken Eindruck der mittelalterlichen Wehranlage.
Kvarntornet (dt. „Mühlenturm“)
Kvarntornet ist einer der charakteristischen Türme im südlichen Bereich der Ringmauer. Sein Bau wird auf die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts geschätzt. Der Name „Mühlenturm“ verweist darauf, dass sich in seiner Nähe früher Mühlen befanden, die entweder durch Wind oder Wasser betrieben wurden. Diese Mühlen spielten eine wichtige Rolle in der täglichen Versorgung der Stadt, sodass der Turm sowohl symbolisch als auch funktional eine enge Verbindung zum städtischen Leben hatte.
Der Turm selbst besitzt eine robuste, nahezu quadratische Grundform. Die Außenmauern sind besonders dick, was darauf hindeutet, dass der Standort als gefährdet galt und zusätzliche Stabilität erforderlich war. Die Schlitzscharten und Öffnungen erlaubten eine gute Sicht auf die südlichen Zufahrtswege. Ein besonderes Merkmal sind die gut erhaltenen Auflagerpunkte für hölzerne Innenböden, die noch heute im Mauerwerk erkennbar sind und einen Einblick in die Raumnutzung geben.
Früher diente Kvarntornet der Überwachung der Handels- und Lieferwege, die aus dem Süden in die Stadt führten. Da Mühlen oft Ziel von Angriffen oder Plünderungen waren, bot der Turm zusätzlichen Schutz. Zugleich konnte von hier aus schnell Alarm geschlagen werden, wenn sich feindliche Truppen näherten.
Heute gilt Kvarntornet als Beispiel dafür, wie eng wirtschaftliche Infrastruktur und Wehrarchitektur verknüpft waren. Der Turm ist in seiner Form klar funktional, ohne überflüssigen Zierrat. Gerade diese Schlichtheit macht ihn zu einem authentischen Zeugnis der mittelalterlichen Stadtverteidigung.
Skolporten (dt. „Schultor“)
Skolporten ist eines der kleineren Tore im südöstlichen Abschnitt der Stadtmauer und erhielt seinen Namen aufgrund der Nähe zu einem später dort angesiedelten Schulgebäude. Ursprünglich stammt das Tor aus dem Mittelalter, vermutlich aus der Zeit zwischen Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts. Als Nebentor erfüllte es vor allem praktische Funktionen und war kein Hauptzugang für Handel oder militärische Bewegungen.
Im Aussehen zeigt sich Skolporten als relativ enger Durchgang mit einem klar definierten Bogen. Die Mauer um das Tor herum ist schlicht ausgeführt, ohne große Aufbauten oder Türme. Dies deutet darauf hin, dass es primär für Fußverkehr genutzt wurde. Der Durchgang war günstig gelegen für jene, die die Stadt nach Osten oder Südosten verlassen wollten, um Felder, Wiesen oder Wege in Richtung des Landesinneren zu erreichen.
Früher nutzten vor allem Schüler, Geistliche, Handwerker und Bauern dieses Tor. Der Weg führte zu Werkstätten, Ackerflächen oder Gebäuden außerhalb der Stadt. Das Tor hatte keine repräsentative Funktion, war aber für lokale Bewegungen essenziell. Während andere Tore mit schweren Holztoren oder Fallgattern ausgestattet waren, genügte hier vermutlich ein einfaches Holztor oder sogar nur eine Nachtverriegelung.
Heute ist Skolporten ein ruhiger, etwas versteckter Durchgang. Viele Besucher bemerken ihn erst beim zweiten Blick, da er weniger monumental wirkt als die großen Tore. Gerade dies macht seinen Reiz aus: Es zeigt die alltägliche Dimension der Mauer – ein Ort, der die Grenzen der Stadt nicht nur schützte, sondern auch im Alltag durchlässig hielt. Skolporten demonstriert eindrucksvoll, wie vielfältig und fein abgestuft die Toranlagen der Stadtmauer von Visby konzipiert waren.
Tjärkokeriet (dt. „Teerkochei“ / „Teerküche“)
Tjärkokeriet ist ein Außensegment der Stadtmauer in unmittelbarer Nähe eines mittelalterlichen Produktionsplatzes, an dem Teer oder Pech hergestellt wurde. Der Name verweist auf eine industrielle Tätigkeit, die für Schiffe, Gebäude und Werkzeuge von großer Bedeutung war. Die Herstellung von Teer war ein gefährlicher und arbeitsintensiver Prozess, weshalb entsprechende Anlagen oft außerhalb enger Stadtbereiche lagen – aber dennoch in unmittelbarer Nähe zur Mauer.
Der Mauerabschnitt Tjärkokeriet ist baulich unscheinbar, aber funktional besonders interessant. Er zeigt Spuren von Hitzeeinwirkung, Verstärkungen und Reparaturen, die darauf hindeuten, dass hier über lange Zeit gearbeitet wurde. Es ist gut vorstellbar, dass der Mauerabschnitt sowohl als Brandschutz wie auch als Grenzwand diente.
Früher war dies ein Ort starker Aktivität. Teer wurde benötigt, um Schiffe abzudichten, Werkzeuge zu pflegen, Gebäude zu schützen und Seile zu versiegeln. Die Nähe zur Stadtmauer bot zugleich Sicherheit – der Bereich konnte kontrolliert werden – aber auch Abgrenzung, da Feuergefahr bestand. Die Handwerker, die hier arbeiteten, waren Teil des wirtschaftlichen Rückgrats von Visby, besonders in der Blütezeit der Hanse.
Heute erinnert Tjärkokeriet an die industriellen Grundlagen mittelalterlicher Städte. Es zeigt, dass Visby nicht nur Handel betrieb, sondern auch Produktion und Handwerk direkt an der Stadtmauer angesiedelt waren. Die Mauer war hier nicht nur Schutzwall, sondern Arbeitsplatz und Wirtschaftsgrenze.
Stor Cristin (dt. „Große Kristin“)
Stor Cristin ist einer der bekanntesten Türme der Ringmauer und zählt zu den auffälligsten Bauwerken der östlichen Mauerlinie. Er wurde vermutlich um 1300 errichtet und erhielt seinen Namen aufgrund seiner Höhe und imposanten Form – „große Kristin“ verweist wahrscheinlich auf eine lokale Figur, einen Spitznamen oder eine volkstümliche Bezeichnung für besonders große Bauwerke.
Der Turm besitzt eine beeindruckende vertikale Präsenz. Er gehört zu den höchsten Türmen der gesamten Ringmauer und bietet einen hervorragenden Überblick über das östliche Umland. Seine Form ist leicht rechteckig, mit massiven Steinwänden und einer klaren Gliederung in mehrere Stockwerke. Die großen Öffnungen, die heute sichtbar sind, dienten ursprünglich teilweise als Schießscharten, teilweise als Belüftung, teilweise als Innenzugänge.
Die frühere Nutzung des Turms war vielseitig. Er diente als Beobachtungspunkt, Wachposten und potenziell auch als kleiner Garnisonsstandort für die Stadtwache. Da der Osten Visbys im Mittelalter intensiver landwirtschaftlich genutzt war, war es wichtig, mögliche Annäherungen frühzeitig zu bemerken. Die Größe des Turms verlieh dem Abschnitt Stabilität und Abschreckung.
Stor Cristin gilt heute als Symbol der Wehrhaftigkeit Visbys. Er zeigt, dass die Stadt nicht nur praktische Verteidigungsziele verfolgte, sondern auch ein sichtbares Zeichen ihrer Stärke setzen wollte. Die Höhe und das massige Erscheinungsbild sind beeindruckend und vermitteln ein intensives Gefühl mittelalterlicher Machtarchitektur.
Kajsartornet (dt. „Kaiser-Turm“ / „Zarenturm“)
Kajsartornet ist einer der ungewöhnlichsten Türme der gesamten Maueranlage. Sein Name lässt auf eine Verbindung zu einem „Kaiser“ oder „Zaren“ schließen – im Gotländischen könnte „Kajsar“ eine volkstümliche Anlehnung an „Caesar“ sein. Der tatsächliche Ursprung des Namens ist unklar, doch deutet vieles darauf hin, dass der Turm schon früh mit einer besonderen Aura belegt war. Der Bau datiert vermutlich auf um 1300 oder kurz danach.
Der Turm ist groß, massiv und mit einer klaren rechteckigen Struktur errichtet. Besonders auffällig sind seine hoch liegenden Öffnungen, die darauf hindeuten, dass der ursprüngliche Eingang nicht auf Bodenniveau lag. Dies war bei vielen Wehrtürmen üblich, um das Eindringen von Angreifern zu erschweren. Kajsartornet besaß vermutlich mehrere Innenstockwerke, vielleicht auch einen erhöhten hölzernen Wehrgang oder eine Verteidigungsplattform.
In der früheren Nutzung diente er vermutlich als bedeutender Wachturm und als Kontrollpunkt für die östliche oder südöstliche Landseite. Seine Größe lässt vermuten, dass er eine wichtige Rolle bei der Koordination von Verteidigungsmaßnahmen spielte. Einige Hinweise deuten darauf hin, dass der Turm möglicherweise zeitweise als Lagerstätte für wertvolle Güter oder Ausrüstung diente, gerade weil er so stabil gebaut wurde.
Heute wirkt Kajsartornet monumental und etwas geheimnisvoll. Die Namensgebung, verbunden mit der unklaren historischen Deutung, verleiht ihm einen besonderen Charakter. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie mittelalterliche Wehranlagen zugleich bautechnische Meisterleistungen und kulturelle Projektionsflächen waren. Sein kräftiger Körper, die streng gefügten Mauern und seine markante Silhouette machen ihn zu einem der eindrucksvollsten Türme der Visbyer Stadtmauer.
Kajsarporten (dt. „Kaisertor“ / „Zarentor“)
Kajsarporten liegt im südöstlichen Teil der Stadtmauer und ist eng mit dem Namen des benachbarten Kajsartornet verbunden. Das Tor gehört zu den kleineren, aber architektonisch interessanten Durchgängen, die möglicherweise erst nachträglich in die Mauer integriert wurden. Es entstand spätestens im frühen 14. Jahrhundert, als die östliche und südöstliche Mauerstruktur weiter ausgebaut wurde.
Der Name verweist auf eine volkstümliche Verbindung zu einer herrscherlichen Figur – vielleicht „Kaiser“ oder „Zar“ –, doch die tatsächliche Herkunft bleibt ungewiss. Das Tor selbst ist ein schmaler Durchgang mit spitzbogiger Form und einer klaren, vertikalen Linienführung. Es besitzt keinen Ausfall- oder Wehrturm, sondern ist direkt in die Mauer eingelassen. Die unmittelbare Nähe zum Kajsartornet verleiht ihm dennoch eine gewisse bauliche Bedeutung, da Turm und Tor gemeinsam einen kleinen Verteidigungsabschnitt bildeten.
Früher war Kajsarporten ein Nebentor, das vor allem Fußgängern diente. Es verband die südöstliche Vorstadtregion mit dem inneren Stadtgebiet. Bauern, Handwerker und Bewohner der umliegenden Gebiete nutzten den Durchgang regelmäßig. Der Verkehr war eher gering, jedoch konstant. In Kriegszeiten ließ sich das Tor leicht verschließen, was zeigt, dass es zwar funktional wichtig war, aber kein strategischer Hauptpunkt.
Heute ist Kajsarporten ein ruhiges, etwas verstecktes Tor, das seinen mittelalterlichen Charme bewahrt hat. Die schlichte Eleganz des Durchgangs und seine Lage nahe eines der imposanteren Türme machen es zu einem interessanten Ort für Besucher, die tiefer in das Verteidigungsnetz und die Struktur der Stadtmauer eintauchen möchten.
Huset med målningarna (dt. „Das Haus mit den Malereien“)
Huset med målningarna bezeichnet einen ungewöhnlichen Abschnitt der Stadtmauer, an dem sich einst ein Gebäude befand, das durch farbige Malereien oder Wandbilder bekannt wurde. Die genaue Datierung ist nicht eindeutig, doch es wird angenommen, dass sich im späten Mittelalter oder der frühen Neuzeit ein reich verziertes Wohn- oder Lagerhaus direkt an die Mauer anlehnte.
Der Mauerabschnitt selbst trägt Spuren dieses Gebäudes: Verputzreste, glatte Flächen und Ausbuchtungen im Mauerwerk, die auf Innenräume, Wandverkleidungen oder Malereien hindeuten. Das Haus soll über Wandbilder verfügt haben, möglicherweise religiöser oder allegorischer Natur – was auf die Wohlhabenheit der Bewohner schließen lässt. Der Abschnitt zeigt also nicht nur Wehrarchitektur, sondern auch bürgerliches Leben und städtisches Wohnen unmittelbar an der Mauer.
Früher war dies vermutlich ein Wohnhaus oder ein repräsentatives Gebäude, das der Mauer zusätzlichen Schutz bot. Die Nähe zur Mauer war geschätzt, da sie Sicherheit garantierte. Gleichzeitig bot das Haus durch seine bemalten Wände eine gewisse städtische Eleganz, die heute nur noch erahnbar ist.
Heute ist Huset med målningarna ein faszinierendes Beispiel für die Mehrfachnutzung der Stadtmauer. Was einst Verteidigungselement war, diente später als Rückwand eines kunstvoll gestalteten Gebäudes. Die Reste erzählen vom Wohlstand Visbys und seiner kulturellen Vielfalt.
Valdemarsmuren (dt. „Valdemars Mauer“)
Valdemarsmuren ist ein historisch bedeutender Abschnitt der Stadtmauer, der durch den dänischen König Valdemar IV. mit der Belagerung und Eroberung Visbys im Jahr 1361 in Verbindung gebracht wird. Der Mauerabschnitt befindet sich im westlichen Bereich und gilt als Schauplatz oder Resultat von Eingriffen, die während dieser dramatischen Ereignisse vorgenommen wurden.
Architektonisch ist Valdemarsmuren dadurch charakterisiert, dass bestimmte Teile des Mauerwerks ausgebessert oder in anderer Weise errichtet wurden als die benachbarten Bereiche. Dies könnte auf Reparaturen nach Kampfhandlungen oder auf gezielte Verstärkungen nach der Eroberung zurückgehen. Der Abschnitt wirkt in Teilen jünger, an anderer Stelle älter – ein Zeichen dafür, dass hier mehrere Bauepochen übereinanderliegen.
Früher war dieser Abschnitt ein Mahnmal politischer Macht. Die dänische Herrschaft hinterließ im Mauerbild Spuren, die noch heute zu erkennen sind. Der Name Valdemarsmuren erinnert an eine Phase, in der Visby seine Unabhängigkeit verlor und in ein größeres politisches Gefüge eingebunden wurde.
Heute symbolisiert Valdemarsmuren die bewegte Geschichte Visbys und die stete Abfolge von Machtwechseln, die sich an der Stadtmauer abbildeten. Es ist einer jener Orte, an denen Geschichte sichtbar im Stein fortlebt.
Söderport (dt. „Südtor“)
Söderport ist eines der wichtigsten und bis heute berühmtesten Haupttore der Stadtmauer von Visby. Als südlicher Haupteingang markierte es im Mittelalter die Grenze zwischen der geschäftigen Hansestadt und dem offenen Landweg, der die südlichen Regionen Gotlands miteinander verband.
Das Tor wurde im späten 13. Jahrhundert errichtet, in der Phase, in der die gesamte Mauer monumental verstärkt wurde und Visby seine städtische Identität voll entfaltete. Söderport war dabei nicht nur ein Verkehrsportal, sondern auch ein repräsentativer Ort – Reisende, Händler und Gesandte, die aus dem Süden kamen, betraten hier die Stadt.
Architektonisch ist das Tor eindrucksvoll gestaltet. Ein breiter, hoher Torbogen bildet den Durchgang, der von massiven Mauern eingerahmt ist. Darüber erhob sich früher ein Aufbau, möglicherweise ein kleiner Torturm oder ein Wehrgeschoss mit Schießscharten.
Die Konstruktion zeigt deutlich die Verbindung von Funktion und Machtsymbolik: Schutz, Kontrolle und Repräsentation gingen hier Hand in Hand. Für Verteidigungszwecke war das Tor mit einem inneren und äußeren Tordurchgang versehen, sodass Angreifer zwischen zwei Torlinien eingeschlossen werden konnten.
Früher spielte Söderport eine zentrale Rolle im städtischen Leben. Bauern aus dem Süden brachten durch dieses Tor ihre Erzeugnisse auf die Märkte. Händler, Kaufleute und Reisende nutzten es als täglichen Zugang. Gleichzeitig war das Tor ein Ort sozialer Interaktion: Händler lagerten vor den Toren, Pilger und Reisende rasteten hier, und auch städtische Wachmannschaften kontrollierten diesen Bereich besonders streng.
Heute ist Söderport eines der bekanntesten Wahrzeichen Visbys. Seine historische Form ist weitgehend erhalten geblieben, und der Platz davor bildet einen der lebendigsten Bereiche des modernen Stadtlebens. Das Tor verbindet Vergangenheit und Gegenwart und zeigt eindrucksvoll, wie ein mittelalterlicher Stadteingang bis heute seine Bedeutung bewahrt.
Grå Gåsen (dt. „Graue Gans“)
Grå Gåsen ist ein kleinerer Vollturm an der südlichen Mauerlinie von Visby. Mit einer Höhe von rund 12 bis 13 Metern zählt er zu den niedrigeren Türmen der gesamten Befestigungsanlage. Sein Bau fällt in die frühe Ausbaustufe der Stadtmauer, vermutlich zusammen mit dem nahegelegenen Turm Store Henrik. Er repräsentiert damit eine Entwicklungsphase, in der die Mauer noch nicht auf ihre spätere imposante Höhe gebracht worden war.
Der Name „Graue Gans“ ist volkstümlich und verweist vermutlich auf die Form oder die helle, graue Farbe des Mauerwerks. Architektonisch weist der Turm eine Besonderheit auf: Seine Seiten ziehen sich nicht nur nach außen, sondern teilweise auch nach innen in die Mauerlinie – ein Hinweis darauf, dass er eine eher frühe Konstruktion ist, die später in das weiter wachsende Mauersystem integriert wurde.
Früher diente Grå Gåsen der Sicherung der Südmauer. Dieser Abschnitt war weniger bedroht als die Küstenseite, weshalb hier niedrigere Türme errichtet wurden, die dennoch eine gute Übersicht über das südliche Umland boten. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert änderte sich die Nutzung des Turms mehrfach. Zwischen Grå Gåsen und Store Henrik befand sich lange ein militärischer Übungsplatz, weshalb beide Türme als Lager oder Beobachtungsposten genutzt wurden.
Heute ist Grå Gåsen ein anschauliches Beispiel für die verschiedenen Bauphasen der Visbyer Stadtmauer. Er zeigt die schlichtere und ältere Form der Türme und macht deutlich, wie pragmatisch die Stadt ihre Verteidigungsanlagen je nach Bedarf und Gelände gestaltete.
Store Henrik (dt. „Großer Henrik“)
Store Henrik befindet sich ebenfalls entlang der südlichen Stadtmauer und ist einer der früh errichteten Türme der Anlage. Sein Name deutet entweder auf seine relative Größe im Vergleich zu benachbarten Türmen hin oder auf eine spätere lokale Benennung. Der Turm entstand in einer frühen Ausbaustufe – wahrscheinlich noch bevor die Ringmauer zu ihrer vollen Höhe ausgebaut wurde.
Äußerlich zeigt sich Store Henrik als massiger, breit stehender Turm mit starken Mauern, deren Höhe im Verhältnis zur Breite eher zurückhaltend ist. Diese kompakte Bauform ist typisch für die frühen Turmkonstruktionen in Visby, als die Bedrohungslage weniger komplex war und man vor allem mit Landangriffen rechnete. Im Gegensatz zu späteren, höheren Türmen wurde hier auf schlichte Funktionalität gesetzt.
Früher diente Store Henrik als reiner Verteidigungsturm und schützte die südlichen Zugänge zur Stadt. Diese Region war strategisch wichtig, da zahlreiche Handelswege aus dem Süden in die Stadt führten. Gleichzeitig mussten landwirtschaftliche Zufahrten überwacht werden.
Seine solide Bauweise machte ihn zu einem verlässlichen Beobachtungs- und Verteidigungspunkt. Im späteren Verlauf – insbesondere in der Neuzeit – wurde der Bereich neben dem Turm als Militärgelände genutzt, was die Bedeutung des Turms für die lokale Verteidigungsorganisation über Jahrhunderte hinweg unterstreicht.
Heute vermittelt Store Henrik ein Bild der frühen mittelalterlichen Befestigungskunst Visbys. Er ist weniger spektakulär als spätere Türme, aber gerade seine robuste Schlichtheit macht ihn zu einem authentischen Zeugnis der frühen Mauerentwicklung.
Skansport (früher „Skansen-Tor“)
Skansport ist ein kleineres Tor auf der östlichen Seite der Stadtmauer. Es erhielt seinen Namen durch die Nähe zu einer später errichteten Schanze oder einem militärischen Aufschüttungswerk, das im Frühneuzeitlichen Gotland eine Rolle spielte. Im Mittelalter war das Tor jedoch ein schlichter und funktionaler Durchgang, der vermutlich im frühen 14. Jahrhundert entstand. Seine Bedeutung lag weniger im Fernverkehr, sondern im lokalen Zugang zu Feldern, Wegen und kleineren Wohnbereichen außerhalb der Mauern.
Das Tor selbst ist architektonisch einfach gehalten. Der Durchgang ist schmal, mit einem klaren, fast rechteckigen Bogen. Es besitzt keine großen architektonischen Verzierungen und auch keinen Torturm. Die Mauer um den Durchgang ist kompakt, was darauf hindeutet, dass es nie als großes Verkehrstor geplant war. Seine Funktion bestand vor allem darin, einen kontrollierten, aber unkomplizierten Zugang zur Stadt zu ermöglichen.
Früher nutzten Einheimische dieses Tor vor allem für kurze Wege: Bauern, die Felder östlich der Stadt bewirtschafteten, Geistliche, die zu umliegenden Kirchen unterwegs waren, oder Handwerker, die Materialien von außen in die Stadt brachten. Es war ein Durchgang des täglichen Lebens, nicht des Handels oder der Diplomatie. In Kriegszeiten ließ sich das Tor leicht verriegeln oder sogar vollständig blockieren, was seine geringe strategische Bedeutung unterstreicht.
Heute ist Skansport ein ruhiger, oft übersehener Teil der Mauer. Sein bescheidener Charakter macht ihn jedoch zu einem interessanten Zeugnis dafür, wie sorgfältig die Stadtmauer geplant wurde. Nicht jedes Tor war ein großes Monument – manche dienten einzig dem praktischen Alltag. Skansport verkörpert diese pragmatische Seite der Stadtgeschichte Visbys.
Skansen Hafsfrun (dt. „Bollwerk Meeresfrau“)
Skansen Hafsfrun ist ein beeindruckender Abschnitt der Stadtmauer, der im Bereich eines älteren Schanzenwerks liegt und seinen poetischen Namen „Meeresfrau“ wahrscheinlich aufgrund der Nähe zum Meer erhielt. Die Anlage ist ein Beispiel für die frühneuzeitliche Umgestaltung der Mauer, als zusätzliche Erdwerke, Bastionen und Aufschüttungen errichtet wurden, um Artillerieeinsatz und moderne Kriegsführung zu berücksichtigen.
Der Mauerbereich ist breiter und stärker befestigt als viele andere Abschnitte. Die Struktur zeigt eine Mischung aus mittelalterlichem Steinmauerwerk und späteren Aufschüttungen, die typische Formen von Halbrundbastionen oder Verteidigungsplattformen erkennen lassen. Der Name Hafsfrun verleiht dem Bereich eine mythische Note und verweist auf eine alte Tradition, in der Orte am Meer oft weibliche, personifizierte Namen erhielten.
Früher spielte Skansen Hafsfrun eine bedeutende Rolle bei der Sicherung der Küstenseite. Von hier aus konnten Kanonen oder Wachen die Seezugänge überwachen. Der erhöhte Verteidigungspunkt bot einen guten Blick auf herannahende Schiffe und erlaubte schnelle Reaktionen. Gleichzeitig war der Abschnitt für die Bevölkerung ein vertrauter Ort – verbunden mit Seefahrt, Geschichten und alten Überlieferungen.
Heute ist Skansen Hafsfrun eine eindrucksvolle Mischung aus Natur, mittelalterlicher Mauer und frühneuzeitlicher Militärtechnik. Die Lage mit Blick aufs Meer macht den Bereich zu einem der atmosphärischsten Orte der gesamten Ringmauer.
Slottsmuren (dt. „Schlossmauer“)
Slottsmuren bezeichnet keinen einzelnen Turm, sondern den südwestlichen Abschnitt der Stadtmauer, der eng mit der späteren Festung Visborg verbunden war. Ursprünglich befand sich an dieser Stelle ein Eckturm, der Segeltornet genannt wurde. Dieser gehörte zu den massiver gebauten Bauwerken der Südmauer und markierte die Verbindung zwischen der Küstenmauer und dem südlichen Landabschnitt.
Die Bauphase dieses Mauerabschnitts fällt in das frühe 15. Jahrhundert. Zu dieser Zeit wurde die bereits stehende Stadtmauer mit der im Aufbau befindlichen Festung zu einem zusammenhängenden Verteidigungssystem verbunden. Slottsmuren war daher nicht nur Teil der Stadtmauer, sondern zugleich Vorwerk und Schutzschirm der Festung.
Eine Besonderheit war die sogenannte Flügelmauer: Eine zusätzliche Verbindungsmauer führte vom Eckturm hinunter zur Küste und schirmte diesen Bereich vollständig ab – ein Hinweis auf die wachsende strategische Bedeutung des Hafenzugangs.
In der frühen Nutzung spielte Slottsmuren eine doppelte Rolle: Sie schützte die Stadt und bildete gleichzeitig den äußeren Verteidigungsring der Burg. Nach der Zerstörung der Festung im 17. Jahrhundert verfiel der Bereich und wurde später teilweise in Landschaftsparks und Freiflächen integriert. Im 20. Jahrhundert nutzte man Teile der Mauer als Schauplatz kultureller Veranstaltungen.
Heute bietet Slottsmuren einen anschaulichen Einblick in den Übergang von klassischer Stadtmauer zu großangelegter Festungsarchitektur. Die Reste des Segeltornet und der Flügelmauer zeigen, wie sich Visby im 15. Jahrhundert auf eine veränderte politische und militärische Situation einstellte – und wie flexibel das bestehende Mauerwerk an neue Anforderungen angepasst wurde.
Stora Strandporten (dt. „Großes Strandtor“)
Stora Strandporten war eines der wichtigsten Tore für den Zugang zum Hafen von Visby – einem der bedeutendsten Handelsplätze der mittelalterlichen Ostsee. Das Tor befindet sich an der Westseite der Mauer, in direkter Verbindung zur damaligen Uferlinie. Heute liegt das Meer weiter entfernt, da die Landhebung über Jahrhunderte die Küstenlinie verändert hat. Im Mittelalter jedoch führte der Weg durch Stora Strandporten unmittelbar zu den Kaianlagen, Bootsanlegern und Marktplätzen der Hafenregion.
Der Durchgang selbst war größer als bei vielen anderen Toren, was darauf schließen lässt, dass hier sowohl Waren als auch voll beladene Karren passieren konnten. Die Maueröffnung ist breit und höher als die meisten Nebentore, und die Bauweise wirkt stabil und stark. Die Nähe zum Hafen erforderte besonderen Schutz, denn hier erreichten nicht nur Händler die Stadt – auch Piraten, Söldner oder feindliche Truppen hätten sich von See her nähern können.
Früher war Stora Strandporten das Tor, durch das ein Großteil des wirtschaftlichen Lebens Visbys floss. Händler brachten hier ihre Waren in die Stadt: Tücher, Pelze, Getreide, Fische, Salz, Metalle und Luxusgüter. Zudem nutzten Seeleute und Fischer das Tor ständig. Das Gebiet um Stora Strandporten war einer der geschäftigsten Orte der Stadt: Handel, Handwerk und Lagerhäuser lagen dicht gedrängt nebeneinander.
Heute ist das Tor ein eindrucksvoller Zugang zum Strandbereich und ein beliebter Ausgangspunkt für Spaziergänge entlang der alten Küstenlinie. Auch wenn die direkte Verbindung zum Hafen heute nicht mehr sichtbar ist, vermittelt Stora Strandporten noch immer den Geist der alten Handelsmetropole Visby.
Lilla Strandporten (dt. „Kleines Strandtor“)
Lilla Strandporten ist das kleine Gegenstück zu Stora Strandporten und liegt ebenfalls an der Westseite der Stadtmauer. Dieses Tor ist eines der charmantesten und bescheidensten in der gesamten Anlage. Es wurde im späten 13. Jahrhundert angelegt und diente vor allem Fußgängern und kleineren Lastenträgern, die Zugang zum Hafenbereich benötigten, ohne die größeren Tore zu benutzen.
Der Torbogen ist schmal und leicht spitz zulaufend. Das Tor wirkt beinahe wie eine intime Passage zwischen Stadt und Meer. Anders als Stora Strandporten war es nicht für Wagen oder größere Transporte ausgelegt, sondern eher für alltägliche kleine Wege – etwa für Fischer, die rasch vom Strand in die Stadt gelangten, oder für Frauen und Kinder, die zum Wasser oder zur Uferpromenade gingen.
Früher war Lilla Strandporten ein Ort ständigen Kommens und Gehens, aber ohne die Hektik eines großen Handelstores. Es war das Tor der kleinen Wege, der schnellen Abkürzungen und der alltäglichen Besorgungen. Die Nähe zu Fischerhütten, kleineren Lagerflächen und zum einfachen Hafengeschehen machte es zu einem funktionalen, aber unaufgeregten Bestandteil der Stadt.
Heute wird Lilla Strandporten gern von Spaziergängern genutzt, die durch diesen schmalen, pittoresken Durchgang vom Altstadtbereich hinunter zur Küste gelangen möchten. Das Tor vermittelt ein besonders authentisches Gefühl dafür, wie vielfältig die Übergänge zwischen Stadt und Meer einst waren.
Fiskarporten (dt. „Fischertor“)
Fiskarporten befindet sich ebenfalls an der Westseite der Stadt, unweit der alten Hafenbereiche, und war das Tor der Fischer, Seeleute und einfachen Arbeiter. Es entstand vermutlich im frühen 14. Jahrhundert als kleiner Zugang, der speziell den täglichen Arbeitsweg der Küstenbevölkerung erleichtern sollte. Durch Fiskarporten gelangte man direkt zu den Bootsanlegeplätzen und Fischverarbeitungsbereichen vor der Stadtmauer.
Das Tor ist schmal und eher niedrig gebaut. Seine Form ist klar und funktional: ein schlichter Spitzbogen, ohne zusätzlichen Torturm oder äußeren Wehrbau. Da es nicht als repräsentatives Tor konzipiert war, erfolgten die baulichen Maßnahmen schlicht nach praktischen Bedürfnissen. Der Mauerabschnitt um das Tor ist robust, aber ohne architektonische Besonderheiten – was typisch für die Nebentore der Westseite ist.
Früher war Fiskarporten ein beinahe ausschließlich arbeitsbezogener Durchgang. Fischer brachten hier ihre Fänge in die Stadt, Arbeiter gelangen von ihren Stätten am Strand ins Stadtinnere, und Frauen trugen Körbe mit Meeresprodukten oder Waren für den Markt. Das Tor war auch ein wichtiges Glied in der Versorgungskette der Stadt: Fisch war ein Grundnahrungsmittel und wurde über genau diesen Zugang täglich hereingetragen.
Heute hat Fiskarporten eine fast nostalgische Wirkung. Auch wenn die Hafenlandschaft völlig verändert ist, kann man sich durch die enge Öffnung hindurch gut vorstellen, wie hier einst der Rhythmus des Alltags klang – Stimmen, Schritte, Körbe, Seile, Netze und der Geruch des Meeres. Es ist ein Tor des einfachen Lebens und damit ein wertvolles Zeugnis der sozialen Geschichte Visbys.
Legenden rund um die Stadtmauer von Visby auf Gotland
Im Laufe der Jahrhunderte kam es zwangläufig zur Legendenbildung rund um die Stadtmauer von Visby. Erzählung und eigene Erlebnisse der Bevölkerung wurden mündlich überliefert und jedes Mal kam ein kleines Stück der Legende hinzu, sei es durch eigenes Erleben oder durch Mutmaßung. So entstand ein Schatz von Erzählungen rund um die Stadtmauer von Visby und den Befestigungsanlagen, die bis heute im Volksgut erhalten geblieben sind.
Die Jungfrau in der Stadtmauer von Visby
Es heißt, dass am Jungfrutornet einst eine junge Frau eingemauert worden sei, weil sie in Zeiten großer Gefahr einen Liebhaber außerhalb der Stadt traf und dadurch unbewusst einen Späher in die Nähe der Mauer brachte. Die Bürger glaubten, ihr Fehltritt habe das Gleichgewicht des Glücks gestört, weshalb sie ihr Schicksal besiegelten. In stillen Nächten, besonders wenn dichter Nebel vom Meer heraufzieht, soll man das Schluchzen einer Frau hören – sanft, kaum hörbar, als wäre es der Wind selbst. Manche sagen, die Jungfrau suche nicht Rache, sondern nur jemanden, der ihre Unschuld erkennt und sie endlich zur Ruhe kommen lässt.
Der schlafende Riese unter dem Norderport
Eine uralte Legende erzählt von einem Riesen, der unter dem Norderport ruht. Er soll einst die Stadt beschützt haben, bevor die Mauer überhaupt existierte. Als die Menschen seine Hilfe nicht mehr brauchten, legte er sich schlafen – tief unter die Erde, genau dort, wo später das Tor gebaut wurde. Wenn schwere Schritte über das Pflaster hallen oder Karren rumpelnd passieren, so heißt es, drehe sich der Riese nur auf die andere Seite. Doch sollte Visby jemals in größter Not sein, werde er erwachen, die Erde erzittern lassen und die Stadt erneut schützen.
Die goldene Krähe über Silverhättan
Am Eckturm Silverhättan, dessen Dach einst im Sonnenlicht glänzte, soll sich zu Vollmondnächten eine goldene Krähe niederlassen. Die Legende sagt, dass sie die Wächterseele eines alten Deutschordensritters in sich trägt, der geschworen hatte, die Stadt für alle Zeit zu bewachen. Die Krähe erscheint nur, wenn Gefahr droht – sei es Unwetter, Kriegsangst oder innere Zwietracht. Wer sie sitzen sieht und ihren hellen Ruf hört, könne sicher sein, dass sie eine Warnung überbringt. In guten Zeiten soll sie völlig verschwinden, als würde sie im Licht der Welt aufgehen.
Die Münzmeister von Mynthuset
Rund um den Mauerabschnitt Mynthuset erzählt man sich, dass dort einst ein Geheimbund von Münzmeistern gewirkt habe, die nachts in der Dunkelheit Gold und Silber prägten. Man sagt, sie hätten Münzen von solcher Reinheit geschaffen, dass sie nie ihren Glanz verloren. Doch eines Nachts seien alle Münzmeister verschwunden – und mit ihnen ihre Kunst. Zurück blieb nur ein leises Klingen, das angeblich bis heute zu hören ist, wenn der Wind aus Norden über die Mauer streicht. Wer das Klingen hört, so glaubt man, hat einen guten Handelstag vor sich.
Die Meeresfrau von Hafsfrun
Am Abschnitt Skansen Hafsfrun der Stadtmauer von Visbyerzählte man von einer Meeresfrau, die in alten Zeiten an den Klippen saß und über die Stadt wachte. Sie soll die Seele eines Mädchens gewesen sein, das in den Wellen ertrank, während es auf ein heimkehrendes Schiff wartete. Aus Mitleid verwandelte das Meer sie in einen Geist des Wassers.
Wenn Stürme aufzogen oder feindliche Schiffe sich näherten, stieg die Meeresfrau als schimmernde Gestalt aus den Fluten und warnte die Wächter der Mauer. Noch heute, sagen die Alten, sieht man in stürmischen Winternächten manchmal ein helles Flackern an den Wellen, als würde die Meeresfrau ihren Dienst nie ganz beenden.
Fazit zur Stadtmauer von Visby
Die Stadtmauer von Visby steht bis heute als eindrucksvolles Symbol mittelalterlicher Wehrkunst und städtischen Selbstbewusstseins. Ihre mächtigen Türme, Tore und Sonderbauten zeigen, wie umfassend die Stadt sich gegen Bedrohungen von Land und Meer rüstete. Der nahezu vollständig erhaltene Ring vermittelt ein authentisches Bild mittelalterlicher Verteidigungslogik. Er ist ein seltenes Beispiel für eine Stadtmauer, die ihre Struktur über Jahrhunderte nahezu unverändert bewahrt hat.
Gleichzeitig spiegelt die Stadtmauer von Visby die Geschichte der Stadt als bedeutende Handelsmetropole wider. Die Verbindung von Hafen, Stadt und Befestigung zeigt, wie wichtig sichere Infrastruktur für eine Blütezeit der Hanse war. Jeder Turm, jedes Tor, jeder verstärkte Abschnitt erzählt von dem Zusammenspiel zwischen wirtschaftlicher Stärke und verteidigender Notwendigkeit. Die Mauer fungierte nicht nur als Schutz, sondern auch als sichtbares Zeichen von Macht und Wohlstand.
Auch heute bleibt die Stadtmauer ein lebendiger Teil des Stadtbildes. Sie verbindet Vergangenheit und Gegenwart, indem sie Besucher wie Einheimische durch ihre Tore führt und entlang ihrer Wege begleitet. Die klar erkennbare Struktur macht es leicht, die historischen Funktionen nachzuvollziehen – von der Hafenverteidigung über die Landzugänge bis hin zu alltäglichen Passagewegen der mittelalterlichen Bevölkerung.
Insgesamt ist die Stadtmauer von Visby ein einzigartiges Kulturdenkmal, das weit über seine militärische Bedeutung hinausreicht. Sie bewahrt Geschichte im Stein, prägt das Landschaftsbild und vermittelt ein tiefes Verständnis für die Entwicklung der Stadt und der Insel Gotland. Ihre Erhaltung ist nicht nur ein bauliches Anliegen, sondern ein kulturelles Erbe von europäischem Rang.
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