Der Literaturtempel (Văn Miếu) in Hanoi, Vietnam
Der Literaturtempel (Văn Miếu) in Hanoi ist eines der bedeutendsten historischen und kulturellen Wahrzeichen Vietnams. Er wurde im Jahr 1070 unter Kaiser Lý Thánh Tông erbaut und diente ursprünglich als Stätte zur Verehrung von Konfuzius. Der Literaturtempel (Văn Miếu) war über viele Jahrhunderte ein Symbol für Gelehrsamkeit, Bildung und moralische Werte. Noch heute spiegelt er den tiefen Respekt der Vietnamesen vor Wissen und Lehre wider und die Bedeutung dieser Dinge in ganz Asien.
Der Literaturtempel (Văn Miếu) beherbergte einst die erste nationale Universität Vietnams, die Quốc Tử Giám genannt wurde. Hier studierten die talentiertesten Schüler des Landes, um später hohe Ämter im kaiserlichen Staatsdienst zu übernehmen. Der Literaturtempel (Văn Miếu) war somit ein Zentrum der Bildung und des geistigen Austauschs. Seine Bedeutung reicht weit über die Grenzen Hanois hinaus und prägt das kulturelle Selbstverständnis Vietnams bis heute.
Beim Betreten des Literaturtempels (Văn Miếu) spürt man die Atmosphäre vergangener Zeiten. Die sorgfältig angelegten Innenhöfe, alten Bäume und kunstvoll verzierten Tore erzählen von einer Epoche, in der Wissen und Tugend höchste Werte waren. Der Literaturtempel (Văn Miếu) ist nicht nur ein architektonisches Meisterwerk, sondern auch ein Ort der inneren Ruhe und Reflexion.
Besonders beeindruckend sind die Steinplatten im Literaturtempel (Văn Miếu), auf denen die Namen erfolgreicher Absolventen eingraviert sind. Diese sogenannten Doktorstelen stehen auf Schildkröten, die als Symbol für Weisheit und Beständigkeit gelten. Der Literaturtempel (Văn Miếu) ehrt damit Generationen von Gelehrten, deren Wissen und Tugend das Land geprägt haben.
Heute ist der Literaturtempel (Văn Miếu) ein beliebtes Ziel für Touristen und Einheimische gleichermaßen. Schüler besuchen ihn vor Prüfungen, um Erfolg zu bitten, während Reisende seine Geschichte und Schönheit bewundern. Der Literaturtempel (Văn Miếu) verbindet Vergangenheit und Gegenwart und bleibt ein lebendiges Zeugnis der vietnamesischen Kultur und Bildungstradition.
Die Geschichte des Literaturtempels in Hanoi
Gründungszeit und frühe Entwicklung (1070 – 1253)
Der Literaturtempel in Hanoi wurde im Jahr 1070 unter Kaiser Lý Thánh Tông gegründet. Ziel war es, einen Ort der Verehrung für Konfuzius und seine bedeutendsten Schüler zu schaffen. Gleichzeitig sollte der Literaturtempel als Symbol für Bildung, Moral und Gelehrsamkeit dienen – Werte, die in der konfuzianischen Lehre eine zentrale Rolle spielen.
Schon wenige Jahre nach seiner Errichtung wurde die Bedeutung des Tempels erweitert. Im Jahr 1076 entstand innerhalb des Komplexes die erste nationale Universität Vietnams, die Quốc Tử Giám. Sie diente der Ausbildung von Beamten für den kaiserlichen Staatsdienst und galt als höchste Bildungseinrichtung des Landes. Damit wurde der Literaturtempel zu einem einzigartigen Zentrum, das Religion, Bildung und Staat verband.
Im Laufe des 12. Jahrhunderts entwickelte sich der Ort zu einem Zentrum der Intellektuellen und des moralischen Lernens. Gelehrte aus dem ganzen Land reisten hierher, um zu lehren und zu studieren. Der Literaturtempel war somit nicht nur ein religiöses Heiligtum, sondern ein Symbol für den Respekt vor Wissen und Tugend.
Im Jahr 1253, während der Herrschaft der Trần-Dynastie, wurde die Quốc Tử Giám weiter ausgebaut und erhielt den neuen Namen Quốc Tử Viện. Diese Phase markierte die institutionelle Festigung des Bildungssystems Vietnams – mit dem Literaturtempel im Mittelpunkt.
Blütezeit unter der Lê-Dynastie (1253 – 1802)
Während der Lê-Dynastie, besonders unter Kaiser Lê Thánh Tông im 15. Jahrhundert, erreichte der Literaturtempel seine größte Blüte. Im Jahr 1484 ließ der Kaiser die berühmten Doktorstelen (Bia Tiến Sĩ) errichten – Steinplatten, auf denen die Namen derjenigen eingraviert wurden, die die höchsten Prüfungen des Reiches bestanden hatten. Diese Stelen stehen auf Schildkröten, Symbolen für Weisheit und Beständigkeit und gelten bis heute als einzigartige Zeugnisse vietnamesischer Bildungstradition.
In dieser Epoche erlebte der Literaturtempel eine intensive Bautätigkeit. Neue Innenhöfe, Tore und Pavillons wurden geschaffen, um den akademischen Betrieb zu unterstützen und die Verehrungszeremonien würdig zu gestalten. Zahlreiche Prüfungen fanden hier statt, und die besten Absolventen wurden direkt in den Staatsdienst berufen.
Die Universität im Literaturtempel war mehr als nur ein Ort des Lernens. Sie diente auch der moralischen Schulung und der Erziehung zum Ideal des konfuzianischen Gelehrten – eines Menschen, der Bildung, Anstand und Loyalität gegenüber dem Staat in Einklang brachte. Bildung galt als Weg zur gesellschaftlichen Ordnung, und der Literaturtempel war ihr sichtbares Zentrum.
Im Jahr 1762 ordnete Kaiser Lê Hiển Tông eine umfassende Restaurierung an, um den Literaturtempel an die Bedürfnisse der Zeit anzupassen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, um 1785, wurde die Einrichtung unter dem Namen Thái Học Đường weitergeführt. Damit endete eine mehr als 600 Jahre währende Ära, in der der Literaturtempel das Herz des vietnamesischen Bildungswesens bildete.
Umbrüche und Kolonialzeit (1802 – 1945)
Mit dem Aufstieg der Nguyễn-Dynastie im Jahr 1802 änderte sich die politische und kulturelle Landschaft Vietnams grundlegend. Die neue Hauptstadt wurde nach Huế verlegt, und damit verlor der Literaturtempel seinen Rang als zentrale Bildungseinrichtung des Landes. Die Universität wurde geschlossen, und der Tempel diente fortan überwiegend rituellen Zwecken.
In den folgenden Jahrzehnten verfiel die Anlage teilweise, auch wenn sie von der lokalen Bevölkerung weiterhin als heiliger Ort verehrt wurde. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts begann die französische Kolonialzeit, die tiefgreifende Veränderungen mit sich brachte. Zwischen 1884 und 1945 wurde der Literaturtempel mehrfach umgenutzt – zeitweise als militärische Anlage, Lager oder Verwaltungsgebäude.
Trotz der kolonialen Eingriffe blieb der Tempelkomplex ein Symbol für nationale Identität und kulturellen Widerstand. Vietnamesische Gelehrte und Patrioten sahen im Literaturtempel ein lebendiges Zeichen der eigenen Tradition. Immer wieder wurden kleinere Restaurierungen durchgeführt, um die Anlage zu erhalten und die Erinnerung an die Gelehrtenkultur zu bewahren.
Die Zeit bis 1945 war geprägt von Zerstörungen, aber auch von der wachsenden Erkenntnis, dass der Literaturtempel als kulturelles Erbe unersetzlich war. Diese Einsicht legte den Grundstein für spätere Schutzmaßnahmen nach der Unabhängigkeit Vietnams.
Kriegszeit, Wiederaufbau und Modernisierung (1945 – heute)
Nach dem Ende der französischen Kolonialherrschaft und der Ausrufung der Demokratischen Republik Vietnam im Jahr 1945 begann eine neue Phase. Während der Unabhängigkeitskämpfe und des Vietnamkrieges erlitt der Literaturtempel erneut schwere Schäden. Teile der Gebäude wurden zerstört oder zweckentfremdet, doch das Bewusstsein für den kulturellen Wert blieb bestehen.
In den 1950er- und 1960er-Jahren starteten umfangreiche Restaurierungsprogramme, um die historische Substanz zu sichern. 1962 wurde der Literaturtempel offiziell zum nationalen Denkmal erklärt – ein wichtiger Schritt zur Bewahrung des kulturellen Erbes. Seither wurde der Komplex mehrfach restauriert, wobei die traditionelle vietnamesische Holzarchitektur und Gartenkunst besonders sorgfältig erhalten blieben.
Mit der Öffnung des Landes nach 1986 und den wirtschaftlichen Reformen (Đổi Mới) erlebte auch der Literaturtempel eine neue Blüte. Er wurde zum wichtigen touristischen Ziel und zum Symbol der vietnamesischen Bildungs- und Kulturgeschichte. Im Jahr 2012 erhielt der Tempel die höchste Auszeichnung als ‘besonders bedeutendes nationales Denkmal’.
Heute dient der Literaturtempel nicht nur der Erinnerung an die Gelehrten vergangener Zeiten, sondern auch als Ort der Begegnung. Schüler und Studierende besuchen ihn vor wichtigen Prüfungen, um Glück und Erfolg zu erbitten. Gleichzeitig ist er ein Ort des Stolzes – ein Sinnbild für die Verbindung zwischen Tradition und Moderne.
Bedeutung und Vermächtnis des Literaturtempels
Über fast Tausend Jahre hinweg hat der Literaturtempel viele Wandlungen durchlaufen, doch sein Kern ist unverändert geblieben: Er steht für den Respekt vor Wissen, Tugend und Bildung. Er verkörpert die konfuzianische Idee, dass Bildung nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Charakter formt und gesellschaftliche Ordnung stiftet.
Der Literaturtempel ist heute nicht nur ein architektonisches Denkmal, sondern auch ein lebendiger Teil des nationalen Bewusstseins. Seine Innenhöfe, Tore und Pavillons erzählen von der Geschichte Vietnams, von Dynastien, Reformen und Umbrüchen. Er ist ein Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen – wo Schüler, Touristen und Einheimische gleichermaßen Inspiration finden.
Die Herrscher und die Entstehung des Literaturtempels (Văn Miếu)
Der Ursprung des Literaturtempels (Văn Miếu) ist untrennbar mit der Herrschaft der Lý-Dynastie verbunden, die im 11. Jahrhundert die Grundlagen für ein geeintes, kulturell gefestigtes Vietnam legte.
Es war eine Zeit des politischen Aufschwungs, der Staatskonsolidierung und des wachsenden Selbstbewusstseins gegenüber den Nachbarn China und Champa. Die Errichtung des Literaturtempels im Jahr 1070 war dabei nicht nur ein religiöser Akt, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden politischen und kulturellen Programms.
Kaiser Lý Thánh Tông (reg. 1054 – 1072)
Den entscheidenden Schritt unternahm Kaiser Lý Thánh Tông, der dritte Herrscher der Lý-Dynastie. Er regierte in einer Phase, in der Vietnam, damals noch unter dem Namen Đại Việt, sich nach innen stabilisierte und nach außen behauptete.
Lý Thánh Tông war bekannt für seine Weitsicht und seinen Sinn für Kultur und Bildung. Unter seiner Herrschaft wurde der Buddhismus zwar weiterhin gefördert, doch er erkannte, dass die konfuzianische Lehre ein unverzichtbares Fundament für Verwaltung, Moral und Staatlichkeit bot. Im Jahr 1070 ließ er daher den Literaturtempel (Văn Miếu) in der Hauptstadt Thăng Long (dem heutigen Hanoi) errichten. Der Tempel sollte dem chinesischen Vorbild der Konfuzius-Tempel folgen, aber zugleich ein vietnamesisches Symbol nationaler Identität werden.
Mit der Verehrung von Konfuzius (Khổng Tử) und seinen Schülern schuf Lý Thánh Tông eine ideologische Grundlage, die Bildung und Tugend in den Mittelpunkt der Regierung stellte. Der Literaturtempel war somit das geistige Zentrum eines neuen Verwaltungsideals – eines Staates, der auf Wissen, Moral und Loyalität gründete.
Kaiser Lý Nhân Tông (reg. 1072 – 1127)
Nach dem Tod von Lý Thánh Tông führte sein Sohn Lý Nhân Tông das Werk des Vaters fort und vertiefte die konfuzianische Bildungsreform. Im Jahr 1076 gründete er die Quốc Tử Giám, die erste nationale Universität Vietnams, die im Inneren des Literaturtempels angesiedelt wurde. Lý Nhân Tông war selbst gebildet und galt als Förderer von Literatur, Philosophie und Verwaltung.
Unter seiner Herrschaft wurde die Bildung zu einem zentralen Bestandteil des staatlichen Systems. Die Auswahl von Beamten sollte fortan nicht mehr allein durch Geburt oder Adel erfolgen, sondern durch Leistung und Wissen.
Damit führte er das Prinzip der meritokratischen Prüfungen ein, das aus China übernommen, aber in Vietnam an die eigenen Verhältnisse angepasst wurde. Der Literaturtempel diente nun als Prüfungsstätte, Lernort und spirituelles Zentrum – ein Ort, an dem Wissen als moralische Kraft begriffen wurde.
Kaiser Trần Thái Tông (reg. 1225 – 1258) und die Trần-Dynastie
Etwa ein Jahrhundert später setzte Kaiser Trần Thái Tông, der Begründer der Trần-Dynastie, die von der Lý-Dynastie eingeführte Bildungstradition fort. Er selbst war ein gelehrter Herrscher, der Schriften über Philosophie und Ethik verfasste.
Unter seiner Regierung wurde die Bedeutung des Literaturtempels (Văn Miếu) weiter gestärkt. Er ließ im Jahr 1253 die Quốc Tử Giám erweitern und neu organisieren, sodass sie auch für Söhne von Adligen und hohen Beamten zugänglich wurde.
Trần Thái Tông verstand Bildung nicht nur als Mittel zur Verwaltung, sondern als moralische Verpflichtung des Herrschers. In seinen philosophischen Texten betonte er, dass ein König ohne Weisheit nicht herrschen könne. Der Literaturtempel (Văn Miếu) war für ihn Ausdruck dieser Überzeugung – ein sichtbares Zeichen für den Vorrang des Geistes über die Macht.
Symbolpolitik und Vermächtnis
Die drei Herrscher – Lý Thánh Tông, Lý Nhân Tông und Trần Thái Tông – legten gemeinsam das Fundament für eine jahrhundertelange Bildungs- und Verwaltungstradition, die das Selbstverständnis Vietnams prägte.
Der Literaturtempel (Văn Miếu) war dabei weit mehr als ein Ort des Lernens. Er war eine politische Institution, die den Staat moralisch legitimierte, und ein Symbol für nationale Eigenständigkeit gegenüber der chinesischen Dominanz.
Warum die Anlage ‚Literaturtempel‘ genannt wird
Der Literaturtempel (Văn Miếu) erhielt seinen Namen aus dem Geist der Zeit, in der Wissen, Tugend und Bildung als höchste Formen menschlicher Vervollkommnung galten.
Als die Anlage im Jahr 1070 unter Kaiser Lý Thánh Tông errichtet wurde, sollte sie zunächst ein Heiligtum zu Ehren von Konfuzius (Khổng Tử) und seinen bedeutendsten Schülern sein. Hier vereinte sich Religion, Philosophie und Staatsmoral in einem Gebäudeensemble, das die geistige Grundlage des vietnamesischen Reiches verkörperte.
Der Begriff ‘Văn’ steht im Vietnamesischen für ‚Literatur, Bildung und Kultur‘, während ‚Miếu‘ ‚Tempel‘ bedeutet. Der Văn Miếu war also von Beginn an ein ‚Tempel der Literatur‘ – ein Ort, an dem Wissen als heilig galt und Bildung als moralische Pflicht.
Er war nicht nur ein religiöses Heiligtum, sondern auch das sichtbare Symbol eines neuen Bildungsideals, das sich an den konfuzianischen Werten von Weisheit, Aufrichtigkeit, Menschlichkeit und Ordnung orientierte.
Nur wenige Jahre nach der Errichtung des Tempels wurde der Quốc Tử Giám, die erste Universität Vietnams, in der Anlage gegründet. Damit wurde der Literaturtempel zum Herzen der vietnamesischen Gelehrsamkeit – ein Ort, an dem Lernen zu einem Weg der spirituellen und gesellschaftlichen Erhebung wurde.
Wer hier studieren durfte – Die Schüler der Quốc Tử Giám
Die Quốc Tử Giám wurde im Jahr 1076 unter Kaiser Lý Nhân Tông, dem Sohn des Tempelgründers, gegründet. Anfangs war sie ausschließlich den Söhnen des Kaisers und der königlichen Familie vorbehalten. Diese jungen Prinzen sollten hier zu Beamten, Philosophen und moralisch gefestigten Staatsmännern erzogen werden.
Im Laufe der Zeit öffnete sich die Akademie jedoch auch für talentierte Schüler aus wohlhabenden Familien und später sogar für außergewöhnlich begabte junge Männer aus dem Volk.
Diese Erweiterung geschah aus dem Wunsch, das Land durch Bildung zu stärken und begabte Menschen unabhängig von ihrer Herkunft zu fördern – ein Grundgedanke, der tief im konfuzianischen Bildungssystem verwurzelt ist.
Die Schüler der Quốc Tử Giám galten als die ‘Hoffnung des Landes’. Sie lebten in der Anlage, trugen einfache Gewänder, hielten sich an strenge Regeln und waren in ihrem Verhalten, ihrer Sprache und ihrem Denken stets Vorbild für andere. Viele von ihnen wurden später hohe Beamte oder Lehrer, manche sogar Berater des Kaisers.
Die Fächer – Was in der ersten Universität gelehrt wurde
Der Lehrplan der Quốc Tử Giám beruhte vollständig auf der konfuzianischen Bildungstradition. Im Mittelpunkt stand das Studium der klassischen chinesischen Texte, insbesondere der vier Bücher (Tứ Thư) und der fünf Klassiker (Ngũ Kinh).
Zu den Hauptfächern gehörten:
- Văn học (Literatur und Sprache): Analyse der Klassiker, Poesie, Redekunst und Stilistik.
- Đạo đức (Ethik und Moral): Lehren über Tugend, Loyalität, Pietät und Menschlichkeit.
- Lễ (Zeremonienkunde): Kenntnisse über Hofetikette, Staatsrituale und gesellschaftliche Hierarchien.
- Sử học (Geschichte): Studium der Dynastien, ihrer Verwaltung und großen Vorbilder.
- Triết học (Philosophie): Interpretation konfuzianischer, taoistischer und zum Teil buddhistischer Ideen.
- Thi (Dichtung): Das Verfassen von Gedichten galt als Zeichen intellektueller Reife.
Neben diesen Fächern wurden auch Gesetzeskunde, Musiktheorie, Kalligrafie und Mathematik unterrichtet, da sie als Werkzeuge zur Verwaltung des Staates galten. Ziel der Ausbildung war es, Männer heranzubilden, die sowohl gebildet als auch moralisch gefestigt waren – Menschen, die durch Wissen und Charakter das Reich ordnen konnten.
Zutritt und Beschränkungen – Wer eintreten durfte und wer nicht
Der Zugang zur Quốc Tử Giám war streng geregelt. Zutritt hatten nur Schüler, Lehrer, kaiserliche Prüfer und Würdenträger, die mit der Ausbildung betraut waren. Jeder Besucher musste eine schriftliche Erlaubnis oder eine kaiserliche Empfehlung vorweisen.
Frauen war der Eintritt in die Lehrbereiche grundsätzlich verboten, da die konfuzianische Ordnung die Bildung der Frauen auf häusliche Tugenden beschränkte. Auch Händler, Bauern und Handwerker durften die inneren Höfe der Akademie nicht betreten. Sie konnten jedoch zu bestimmten Festtagen außerhalb der Anlage Opfergaben darbringen oder an öffentlichen Zeremonien teilnehmen.
Die Akademie galt als heiliges Zentrum des Wissens – eine Stätte, die von weltlicher Ablenkung und materiellen Einflüssen abgeschirmt war. Selbst Beamte des Kaiserhofes mussten beim Betreten ihre Waffen ablegen und in respektvoller Haltung schreiten. Diese Regelung betonte, dass Bildung über Macht stand.
Ein Tag im Leben eines Gelehrten – Der Tagesablauf in der Quốc Tử Giám
Der Alltag in der Kaiserlichen Akademie war streng geregelt und diszipliniert. Der Tagesrhythmus folgte dem Klang der Glocke (chuông) am Morgen und der Trommel (trống) am Abend.
Bei Sonnenaufgang versammelten sich die Schüler im ersten Hof zum Morgengebet und zur Verbeugung in Richtung des Konfuziustempels. Danach begaben sie sich in die Unterrichtsräume, wo der Tag mit dem Studium der Klassiker begann. Die Lehrer lasen aus den heiligen Texten, erklärten Bedeutungen, stellten Fragen und ließen die Schüler laut rezitieren – das laute Vorlesen galt als Zeichen geistiger Klarheit.
Am späten Vormittag wurde eine kurze Pause gewährt, in der die Schüler meditieren oder kalligrafische Übungen machen durften. Nach einem einfachen Mittagessen – meist Reis und Gemüse – folgte am Nachmittag der zweite Unterrichtsblock, in dem die Schüler ihre Texte schrieben oder Aufsätze verfassten. Diese Texte wurden streng korrigiert und diskutiert, wobei jede Formulierung auf Stil, Logik und moralischen Gehalt geprüft wurde.
Abends, bei Sonnenuntergang, ertönte erneut die Glocke. Die Schüler reinigten ihre Schreibpinsel, schlossen die Bücher und versammelten sich zu einer kurzen Zeremonie, bei der sie Konfuzius dankten und Gelübde ablegten, am nächsten Tag noch fleißiger zu lernen.
Die Nächte im Văn Miếu waren still – nur das Rascheln der Blätter und das ferne Rufen der Nachtvögel begleiteten die Gelehrten, die bei schwachem Lampenlicht über alten Schriften brüteten. So entstand in den Mauern des Literaturtempels eine Atmosphäre, die Wissen und Spiritualität vereinte – ein Ort, an dem Lernen zur heiligen Handlung wurde.
Die Quốc Tử Giám war somit nicht nur die erste Universität Vietnams, sondern das Sinnbild einer ganzen Kultur: die Verbindung von Wissen und Tugend, Geist und Herz, Bildung und Menschlichkeit. Sie legte das Fundament für eine Tradition, die Vietnam über Jahrhunderte prägte – die Verehrung des Lehrers und den Glauben an die Macht des Wissens.
Rundgang durch den Literaturtempel
Tứ trụ (Vier Säulen / Symbol der vier Himmelsrichtungen)
Die vier eindrucksvollen Säulen am Eingang des Literaturtempels (Văn Miếu) werden im Vietnamesischen Tứ trụ genannt, was wörtlich ‘vier Pfeiler’ oder ‘vier Säulen’ bedeutet. Sie markieren symbolisch die vier Himmelsrichtungen – Đông (Osten), Tây (Westen), Nam (Süden) und Bắc (Norden) – und sind das spirituelle Tor, das Besucher beim Betreten des Tempelareals zunächst durchschreiten.
Diese Säulen wurden ursprünglich im 11. Jahrhundert zur Zeit der Dynastie erbaut, also kurz nach der Gründung des Literaturtempels im Jahr 1070. Sie bilden den äußersten Eingang zur gesamten Anlage und waren schon damals Ausdruck der Verbindung zwischen Himmel und Erde, Mensch und Kosmos.
Jede der vier Säulen besteht aus massivem, hellgrauem Stein, sorgfältig behauen und in rechteckigem Grundriss angeordnet. Ihre Höhe beträgt jeweils etwa 4,5 bis 5 Meter, sodass sie die Blicke schon von weitem auf sich ziehen. Auf den oberen Enden der Säulen befinden sich Steinlöwen und Phönixe – traditionelle Glückssymbole, die für Schutz, Würde und Harmonie stehen.
An den Frontseiten sind chinesische Schriftzeichen (chữ Hán) eingraviert, die moralischen Tugenden und konfuzianische Ideale ausdrücken. Diese Inschriften rufen zur Wahrung von Wissen, Rechtschaffenheit, Loyalität und Respekt auf – die vier Grundpfeiler des konfuzianischen Denkens. Die Wahl von vier Säulen war dabei bewusst: Sie symbolisiert Stabilität, Vollständigkeit und die Harmonie des Universums.
Die Tứ trụ dienten nicht nur als Wegmarke, sondern auch als Ort des Übergangs. Wer durch sie tritt, verlässt symbolisch die Welt des Alltags und betritt die Sphäre der Weisheit und Bildung.
Bis heute stehen sie unverändert am Eingang des Văn Miếu, flankiert von alten Bäumen und flankierenden Mauern, die den sakralen Charakter des Ortes unterstreichen. Die feinen Steinverzierungen zeigen Wolken- und Drachenmotive – typische Symbole der Lý-Zeit, die göttliche Kraft und Aufstiegskraft repräsentieren.
Die Tứ trụ (Vier Säulen) sind somit nicht nur architektonische Elemente, sondern ein symbolischer Schlüssel zum Verständnis des gesamten Tempelkomplexes. Sie bilden den Beginn des Weges, der den Besucher Schritt für Schritt zur inneren Welt des Lernens, der Meditation und des Geistes führt.
Văn Miếu Môn (Haupttor des Literaturtempels)
Hinter den vier Säulen erhebt sich das monumentale Haupttor, das den eigentlichen Eingang zum Literaturtempel bildet – das Văn Miếu Môn (Tor des Literaturtempels). Dieses Bauwerk ist eines der markantesten Elemente der gesamten Anlage und wurde ebenfalls unter Kaiser Lý Thánh Tông im Jahr 1070 errichtet. Es symbolisiert die Schwelle zwischen der äußeren Welt und der geistigen Sphäre der Weisheit.
Das Văn Miếu Môn ist aus massivem Backstein und Holz erbaut und zeigt die typische Architektur des nördlichen Vietnam im 11. Jahrhundert. Es besteht aus drei Durchgängen: einem zentralen, größeren Tor und zwei kleineren seitlichen Durchgängen.
Der mittlere Torbogen war traditionell nur für den Kaiser und hochrangige Gelehrte bestimmt, während Schüler und Besucher die seitlichen Tore benutzten. Diese hierarchische Ordnung drückt den Respekt vor Wissen und Rang aus, ein Kernprinzip der konfuzianischen Gesellschaft.
Über dem mittleren Durchgang erhebt sich ein zweistöckiger Aufbau mit geschwungenem Dach, dessen Ziegel im traditionellen Stil gebrannt sind und an den Enden Drachenfiguren (rồng) tragen.
Diese Drachen stehen für Macht, Schutz und spirituelle Reinheit. An den Ecken des Daches sind kleine Phönixornamente angebracht, die Weisheit und Harmonie verkörpern.
Die Wände des Văn Miếu Môn sind mit kunstvollen Reliefs verziert, die Szenen aus der konfuzianischen Lehrtradition zeigen. Über dem Hauptbogen prangt eine große Inschrift in Hán-Nôm-Schrift: ‘Văn Miếu’, was ‘Tempel der Literatur’ bedeutet. Diese kalligrafische Gravur stammt ursprünglich aus der Lý-Zeit, wurde jedoch während der Lê-Dynastie (15. Jahrhundert) restauriert und in ihrer heutigen Form ergänzt.
Im Inneren des Tores führen Steinstufen über einen leicht ansteigenden Weg zum ersten Innenhof des Tempels, dem Đại Trung Môn (Tor der Großen Mitte). Der Durchgang symbolisiert daher nicht nur den physischen Eintritt, sondern auch die geistige Vorbereitung auf die Welt des Wissens.
Die Architektur des Văn Miếu Môn folgt einer symmetrischen Achse – eine Grundregel der traditionellen vietnamesischen Tempelarchitektur. Diese Achse repräsentiert die Ordnung der Welt und die Harmonie zwischen Mensch, Natur und Himmel.
Der Baustil zeigt Einflüsse aus der Tang- und Song-Zeit Chinas, wurde jedoch in Materialien, Form und Dekorationen klar vietnamesisch interpretiert: schlichter, harmonischer, stärker mit der Landschaft verbunden.
Besonders eindrucksvoll ist die Wirkung bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, wenn das Licht durch die drei Torbögen fällt und die Inschriften golden leuchten. Viele Vietnamesen betrachten das Văn Miếu Môn als ein ‘Tor des Wissens’ – wer es durchschreitet, tritt in die Welt der Gelehrsamkeit und Tugend ein.
Heute gilt das Văn Miếu Môn (Haupttor des Literaturtempels) als eines der bedeutendsten erhaltenen Beispiele klassischer vietnamesischer Architektur. Es ist ein Symbol des Bildungsstolzes, das seit fast einem Jahrtausend unverändert seine Würde bewahrt hat.
Erster Hof – Đại Trung Môn Hội Trường (Großer Mitteltor-Hof)
Der erste Hof des Literaturtempels (Văn Miếu) im vietnamesischen Đại Trung Môn Hội TrườNg bildet den Übergang zwischen dem äußeren Haupttor und dem inneren Bereich des Tempels.
Er wurde wie der gesamte Komplex um das Jahr 1070 unter der Herrschaft von Kaiser Lý Thánh Tông errichtet. Dieser Hof diente von Beginn an nicht nur als Eingangsbereich, sondern als Ort der Reinigung, Vorbereitung und inneren Sammlung für Gelehrte, die in die heiligen Bezirke des Tempels eintraten.
Der Hof ist rechteckig angelegt, symmetrisch ausgerichtet und von einer dichten Bepflanzung umgeben, die Ruhe und Ausgeglichenheit ausstrahlt. In seiner Mitte verlaufen drei gepflasterte Wege, die von Süden nach Norden führen.
Der mittlere Weg war ausschließlich dem Kaiser vorbehalten, während die beiden seitlichen Wege den zivilen und militärischen Beamten vorbehalten waren. Diese Dreiteilung entspricht der konfuzianischen Ordnungsidee und spiegelt die Hierarchie der Gesellschaft wider.
An beiden Seiten des zentralen Weges befinden sich zwei längliche rechteckige Teiche, die die Schönheit und Harmonie des Hofes unterstreichen. Diese Wasserflächen, oft als ‘Spiegel des Himmels’ bezeichnet, symbolisieren Reinheit, Wissen und Klarheit des Geistes.
Das Wasser steht für Weisheit, während die reflektierenden Oberflächen den Gedanken der Selbsterkenntnis und der geistigen Ruhe ausdrücken. Die Teiche sind mit Natursteinen eingefasst, ihre Ufer leicht erhöht und mit sorgfältig angelegten Pfaden umgeben.
Der Hof wurde aus Ziegeln, Naturstein und Holz gestaltet, mit einem feinen Gleichgewicht zwischen Architektur und Landschaft. Diese Kombination soll den Besucher dazu anregen, Körper und Geist auf die Begegnung mit der konfuzianischen Lehre vorzubereiten. Der Hof symbolisiert den ersten Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung, den Eintritt in eine Welt der Bildung und moralischen Vervollkommnung.
Khu nhập đạo – Tor der Großen Mitte
Der Bereich Khu nhập đạo, was wörtlich ‚Ort des Eintritts in den Weg (der Lehre)‘ bedeutet, schließt unmittelbar an den ersten Hof an. Dieses architektonische Segment im Literaturtempel stammt ebenfalls aus der Zeit der Lý-Dynastie (11. Jahrhundert) und wurde in späteren Epochen, insbesondere unter den Lê-Kaisern, mehrfach restauriert.
Das Tor bildet den zentralen Zugang zum inneren Tempelbereich und ist damit ein entscheidendes Element der gesamten Anlage. Es symbolisiert den Übergang vom äußeren, weltlichen Bereich zum inneren, heiligen Raum des Wissens.
Das Khu nhập đạo ist von drei Wegen durchzogen – einem breiten Mittelweg und zwei schmaleren Seitenwegen – die denselben hierarchischen Regeln folgen wie im ersten Hof: der mittlere Weg für den Kaiser, die Seitenwege für Beamte und Schüler.
Das Tor selbst erhebt sich auf einem leicht erhöhten Podest, das über mehrere Stufen aus Naturstein erreicht wird. Es wurde aus massivem Ziegel und Holz gebaut, die Wände weiß getüncht und mit fein gearbeiteten Holzelementen eingefasst. Die Dächer sind mit roten, gebrannten Ziegeln gedeckt und tragen an den Enden geschwungene Drachenformen, die Schutz und Glück symbolisieren.
Die Höhe des Torbaus beträgt etwa 7 Meter, die Breite etwa 9 Meter, während die Tiefe zwischen 3 und 4 Metern liegt. Der mittlere Durchgang ist deutlich höher als die beiden seitlichen, was die zentrale Achse des gesamten Komplexes betont. Diese architektonische Symmetrie war für vietnamesische Tempelbauten des Mittelalters typisch und repräsentierte die Harmonie zwischen Himmel und Erde.
Das Khu nhập đạo ist nicht nur ein physischer Durchgang, sondern auch ein symbolischer Raum. Wer es betritt, tritt geistig in den ‘Weg des Wissens’ ein. Die Balance zwischen Stein, Holz, Wasser und Vegetation spiegelt das Ideal des konfuzianischen Gleichgewichts wider: Disziplin, Reinheit, Bescheidenheit und Harmonie.
Während der Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts wurde dieser Teil des Tempels mehrfach beschädigt, doch seine Grundstruktur blieb erhalten. Heute ist er einer der meistbesuchten Punkte im Literaturtempel, da er den Beginn des inneren Pilgerwegs markiert.
Cửa Đại Trung (Tor der Großen Mitte)
Das Cửa Đại Trung bildet das zentrale Tor innerhalb des Bereichs Khu nhập đạo im Literaturtempel. Es wurde zeitgleich mit dem Literaturtempel im Jahr 1070 unter Kaiser Lý Thánh Tông errichtet und symbolisiert die ‘Große Mitte’ – ein Grundkonzept des Konfuzianismus, das für Ausgewogenheit, Weisheit und Tugend steht.
Das Tor ist aus roten Ziegeln und Holz erbaut, mit einem zweistufigen Dach, das von geschnitzten Holzbalken getragen wird. Die Dachränder sind elegant geschwungen und tragen an den Enden kleine Drachenfiguren, die Aufstieg und geistige Erleuchtung symbolisieren. Im Zentrum befindet sich eine große Holztür, die während Zeremonien geöffnet und außerhalb der Feiern geschlossen wird.
Über dem Hauptbogen ist eine hölzerne Tafel mit vergoldeter Inschrift in klassischen chinesischen Zeichen angebracht. Darauf steht ‘Đại Trung Môn’ – ‘Tor der Großen Mitte’. Diese Inschrift erinnert an den konfuzianischen Grundsatz, dass Tugend und Wissen in der Mitte im Gleichgewicht verwurzelt sind. Das Tor ist etwa 5 Meter hoch und 4 Meter breit, mit einem harmonischen Verhältnis zwischen vertikalen und horizontalen Linien.
Architektonisch vereint es Elemente der vietnamesischen Holzbaukunst mit Einflüssen aus der Song-Zeit Chinas, doch die Formen sind sanfter und stärker in die Landschaft integriert. Es steht auf einem steinernen Sockel und ist von zwei kleineren Nebentoren flankiert, die zusammen den Übergang zum zweiten Hof bilden.
Das Cửa Đại Trung diente in früheren Zeiten als Tor für offizielle Prozessionen. Nur Gelehrte, die zu Prüfungen zugelassen waren, durften diesen Durchgang betreten. Daher galt es als Symbol für den Schritt in die Welt des Wissens – wer hindurchging, stellte sich der Prüfung seines Geistes.
Cửa Đại Tài (Tor der großen Talente)
Das Cửa Đại Tài, wörtlich ‘Tor der großen Talente’, befindet sich auf der rechten Seite des zentralen Cửa Đại Trung. Es symbolisiert die Entfaltung menschlicher Begabung und den Wert intellektueller Leistung. Das Tor wurde zur gleichen Zeit wie die übrigen Bauteile der Anlage erbaut, vermutlich ebenfalls um das Jahr 1070, und ist aus Holz und gebranntem Ziegel gefertigt.
Seine architektonische Form ist schlichter als die des zentralen Tores, doch seine Symbolik ist stark: Es steht für den Weg des Wissens durch Fleiß und Ausdauer. Schüler und Gelehrte traten hier hindurch, um an Prüfungen teilzunehmen oder den inneren Tempelbereich zu betreten.
Das Dach besteht aus zwei Ebenen mit gebogenen Ziegelrändern, die mit einfachen Ornamenten versehen sind. Die Wände tragen feine florale Muster, die später, während der Lê-Dynastie restauriert und neu bemalt wurden.
In der Mitte des Tores ist eine Inschrift mit den Schriftzeichen ‘Đại Tài’ zu sehen, die die Bedeutung des Tores unterstreicht: der Eintritt der talentierten und fleißigen Schüler in die Welt der Wissenschaft.
Mit einer Höhe von rund 4,5 Metern und einer Breite von 3,5 Metern ist das Tor etwas kleiner als das zentrale, fügt sich jedoch harmonisch in die Gesamtarchitektur ein. Es bildet den rechten Zugang zu den weiteren Höfen und steht für den intellektuellen Aufstieg durch Bildung und Charakterstärke.
Cửa Thành Đức (Tor der vollendeten Tugend)
Das Cửa Thành Đức, wörtlich ‘Tor der vollendeten Tugend’, befindet sich auf der linken Seite des zentralen Cửa Đại Trung. Es repräsentiert die moralische Dimension des Lernens – den Gedanken, dass Wissen ohne Tugend unvollständig bleibt. Dieses Tor entstand ebenfalls im 11. Jahrhundert und wurde in späteren Epochen sorgfältig restauriert, insbesondere während der Nguyễn-Dynastie im 19. Jahrhundert.
Das Tor ist aus Ziegel und Holz errichtet, besitzt ein leicht gewölbtes Dach mit glasierten Ziegeln und trägt über dem Eingang eine hölzerne Tafel mit den Schriftzeichen ‘Thành Đức’. Die Inschrift verweist auf den konfuzianischen Idealtyp des Gelehrten, der Wissen nicht zum eigenen Vorteil, sondern zum Wohle der Gesellschaft nutzt.
Das Cửa Thành Đức ist etwa 4 Meter hoch und 3,5 Meter breit. Seine Struktur ist einfach, aber elegant – zwei steinerne Säulen tragen den Dachrahmen, während geschnitzte Holzverzierungen an den Ecken Wolken- und Drachenmotive zeigen. Diese Symbole stehen für Reinheit, Bewegung und die Verbindung von Himmel und Erde.
Schüler und Prüflinge, die diesen Durchgang benutzten, galten als jene, die nicht nur Wissen, sondern auch moralische Reife besaßen. So verkörpert das Cửa Thành Đức den höchsten konfuzianischen Wert: die Einheit von Geist, Wissen und Tugend.
Diese Tore und Höfe des Literaturtempels (Văn Miếu) sind mehr als architektonische Strukturen – sie sind Teil eines symbolischen Pfades, der den Besucher Schritt für Schritt von der äußeren Welt in die Sphäre des Geistes, der Tugend und der Erkenntnis führt. Jeder Durchgang, jeder Hof und jedes Detail der Architektur ist Ausdruck einer tausendjährigen Kultur des Respekts vor Wissen, Weisheit und Menschlichkeit.
Zweiter Hof – Đại Trung Viên (Großer Hof der Harmonie)
Der zweite Hof im Literaturtempel (Văn Miếu), im vietnamesischen Đại Trung Viên, schließt unmittelbar an den Bereich des Khu nhập đạo an und wurde in seiner ursprünglichen Form im 11. Jahrhundert unter Kaiser Lý Thánh Tông angelegt. Er ist etwas kompakter als der erste Hof, folgt aber derselben strengen symmetrischen Achse, die sich durch die gesamte Anlage zieht.
Auch dieser Hof besitzt zwei langgestreckte Teiche, die parallel zur Hauptachse liegen und von sorgfältig gepflegten Grünflächen umgeben sind. Diese Wasserflächen stehen in symbolischer Kontinuität zum ersten Hof, betonen jedoch stärker die Ruhe, Konzentration und spirituelle Sammlung. Das Wasser gilt hier als Sinnbild des Wissens, das in Stille und Tiefe fließt.
Die Bepflanzung des Hofes wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erneuert. Alte Banyanbäume (đa) und Pflaumenbäume (mận) spenden Schatten, während Lotusblumen und Wasserlilien die Teiche zieren. Die harmonische Gestaltung dieser Naturflächen war kein Zufall: Sie folgt den Prinzipien der konfuzianischen Ästhetik, nach der Schönheit und Ordnung eine geistige Reinheit fördern.
Der Boden besteht aus gebrannten Ziegeln und Natursteinen, die Wege sind klar abgegrenzt und führen schnurgerade auf das nächste Bauwerk zu – den großen Pavillon, der diesen Hof nach Norden hin abschließt. In der Mitte des Hofes verläuft weiterhin der ‘Weg der Gelehrten’, der dem Kaiser und den Gelehrten vorbehalten war.
Der zweite Hof diente ursprünglich als Ort der Vorbereitung und des stillen Gebets, bevor man in den zentralen Bereich der Gelehrten und Prüfungen eintrat. Viele Besucher verweilten hier, um zu meditieren oder Gedichte zu rezitieren, bevor sie den inneren Teil des Tempels betraten.
In seiner Bedeutung stellt der zweite Hof somit die geistige Reinigung vor dem Eintritt in die Welt des Wissens dar. Er ist ruhiger, intimer und symbolisiert den Schritt von der äußeren zur inneren Erkenntnis.
Khuê Văn Các (Pavillon der Konstellation der Literatur)
Am nördlichen Ende des zweiten Hofes im Literaturtempel erhebt sich eines der bekanntesten Bauwerke Vietnams: der Khuê Văn Các, wörtlich ‘Pavillon der Konstellation der Literatur’.
Dieses ikonische Bauwerk wurde im Jahr 1805 während der Herrschaft von Kaiser Gia Long der Nguyễn-Dynastie errichtet. Obwohl es jüngeren Ursprungs ist als der Rest des Tempels, fügt es sich nahtlos in die Achse und Symbolik der Anlage ein.
Der Khuê Văn Các steht auf einem quadratischen Sockel aus massivem Ziegelstein, der etwa 6,8 Meter breit und 3,5 Meter hoch ist. Auf diesem Sockel erhebt sich ein hölzerner Pavillon, dessen vier fein geschnitzte Säulen aus festem Holz die obere Etage tragen. Die Gesamthöhe des Pavillons beträgt rund 8,8 Meter.
Die vier Säulen sind rot lackiert – Rot steht in der vietnamesischen Symbolik für Glück, Kraft und Gelehrsamkeit. Das Dach ist doppelt geschwungen und mit traditionellen Terrakotta-Ziegeln gedeckt.
Besonders charakteristisch sind die vier runden Fenster an der oberen Etage, die jeweils wie ein stilisiertes Sonnenrad wirken. Diese Öffnungen symbolisieren das Licht des Wissens, das in alle Richtungen strahlt, und geben dem Pavillon ein einzigartiges, harmonisches Erscheinungsbild.
Im Inneren des Pavillons befindet sich eine kleine Plattform mit einem Altar, der den Konstellationen des Himmels und insbesondere dem Sternbild Khuê – dem Stern der Literatur – geweiht ist. Daher der Name Khuê Văn Các, der den Zusammenhang zwischen Himmel, Bildung und menschlichem Geist betont.
Der Pavillon wurde als Ort der Verehrung der Literatur und Wissenschaft geschaffen, aber auch als Symbol des Aufstiegs durch Wissen. Er steht an der Schwelle zwischen der äußeren und der inneren Welt – ein architektonisches Zeichen dafür, dass Bildung und Tugend das Tor zum höheren Verständnis des Universums öffnen.
Die Holzarbeiten im Khuê Văn Các sind von außergewöhnlicher Feinheit. Lotusblüten, Wolkenbänder, Fledermäuse (Symbol für Glück) und stilisierte Drachen zieren Balken und Dachträger. Die Balance zwischen massiver Ziegelbasis und leichter Holzkonstruktion verleiht dem Bauwerk Eleganz und Leichtigkeit.
Heute gilt der Khuê Văn Các als Wahrzeichen Hanois. Er ist auf dem offiziellen Stadtwappen zu sehen und verkörpert wie kein anderes Bauwerk den vietnamesischen Bildungsgeist. Der Pavillon markiert den Übergang vom äußeren Lernweg zur inneren Erkenntnis – ein architektonischer und symbolischer Höhepunkt des Literaturtempels.
Cửa Bi Văn (Tor der Gelehrtenliteratur)
Links des Khuê Văn Các befindet sich das Cửa Bi Văn, das ‘Tor der Gelehrtenliteratur’. Dieses Tor stammt ursprünglich aus der Lê-Dynastie (15. Jahrhundert) und wurde aus gebranntem Ziegelstein errichtet, mit einem flachen Ziegeldach, das sich harmonisch in die umliegende Architektur einfügt.
Das Tor ist etwa 4 Meter hoch und 3 Meter breit, die Öffnung durch einen hölzernen Rahmen eingefasst. Auf der Vorderseite befindet sich eine Inschrift in chinesischen Schriftzeichen: ‘Bi Văn Môn’, was ‘Tor der klassischen Schriften’ bedeutet. Dieses Tor diente traditionell den Schülern und Gelehrten, die sich auf Prüfungen vorbereiteten oder die Bibliothek des Tempels besuchen wollten.
Seine Symbolik ist eng mit der Idee der literarischen Exzellenz verbunden: Wer durch dieses Tor ging, begab sich auf den Weg der Schrift und des Wissens. Die Wandflächen sind mit floralen Ornamenten und Lotusmotiven verziert, die Reinheit und geistige Blüte darstellen.
Das Cửa Bi Văn führt zur linken Seite des inneren Bereichs, der später die Stelen der Doktoren beherbergt. Es repräsentiert somit den Zugang zur intellektuellen Welt, die durch Fleiß und Studium erreicht wird.
Cửa Súc Văn (Tor der Strahlenden Schriften)
Auf der rechten Seite des Khuê Văn Các steht das Cửa Súc Văn, das ‘Tor der Strahlenden Schriften’. Dieses Tor ist das architektonische Gegenstück zum Cửa Bi Văn und entstand zur selben Zeit. Seine Funktion war es, die Bewegung innerhalb des Tempelareals zu ordnen und den symbolischen Weg der Gelehrten zu rahmen.
Das Cửa Súc Văn ist ebenfalls aus Ziegel und Holz gefertigt, etwa 4 Meter hoch und 3,2 Meter breit. Über dem Tor befindet sich eine hölzerne Tafel mit goldenen Schriftzeichen, die seinen Namen tragen. Die Dekoration zeigt ein Relief mit Wolken- und Drachenelementen, das den Aufstieg des Geistes und die Erleuchtung durch Wissen darstellt.
Im konfuzianischen Symbolismus steht das Cửa Súc Văn für die Weitergabe des Wissens – für die Fähigkeit, das Erlernte in die Welt hinauszutragen. Während das Cửa Bi Văn den Eintritt in die literarische Bildung verkörpert, symbolisiert das Cửa Súc Văn den Ausgang in die Welt, in der dieses Wissen erstrahlt und Früchte trägt.
Beide Tore – 4a Cửa Bi Văn und 4b Cửa Súc Văn – rahmen somit den großen Pavillon Khuê Văn Các und bilden gemeinsam ein architektonisches Trio, das Wissen, Inspiration und moralische Vollendung miteinander verbindet.
Der zweite Hof und seine Tore sind ein Meisterwerk symbolischer Raumgestaltung. Sie verbinden Architektur, Natur und Philosophie in vollkommener Harmonie und führen den Besucher weiter hinein in das geistige Herz des Literaturtempels (Văn Miếu) – Schritt für Schritt auf dem Weg vom Lernen zum Verstehen, vom Wissen zur Weisheit.
Dritter Hof – Sân Thiên Quang (Hof des Himmlischen Lichts)
Der dritte Hof des Literaturtempels (Văn Miếu) in Hanoi im vietnamesischen Sân Thiên Quang, wurde in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts während der Lý-Dynastie angelegt. Sein Name bedeutet ‚Hof des Himmlischen Lichts‘ und spiegelt die symbolische Verbindung zwischen Wissen, Reinheit und Erleuchtung wider. Dieser Bereich markiert den Übergang von der Welt des Lernens in die Welt der Prüfung, Ehre und Anerkennung. Der Hof ist rechteckig angelegt, etwa 70 Meter lang und 30 Meter breit, und liegt streng auf der Nord-Süd-Achse, die sich durch die gesamte Anlage zieht.
Thiên Quang Tỉnh (Brunnen des himmlischen Lichts)
Das zentrale Element des Hofes ist ein großer rechteckiger Teich, der als Thiên Quang Tỉnh bezeichnet wird – der ‚Brunnen des Himmlischen Lichts‘. Diese Quelle oder Wasserfläche befindet sich exakt in der Mitte des Hofes und dient sowohl der symbolischen als auch der architektonischen Balance.
Der Thiên Quang Tỉnh ist von einem niedrigen steinernen Geländer umgeben, das mit Lotusblüten und Wolkenmustern verziert ist. Das Wasser spiegelt den Himmel, die Bäume und die umliegenden Bauten wider, sodass der gesamte Raum von einem Gefühl der Ruhe und Harmonie erfüllt ist.
In der konfuzianischen Symbolik steht das Wasser für Wissen und Reflexion, während der Begriff ‘Himmlisches Licht’ auf die erleuchtende Kraft der Bildung verweist. Der Teich wurde so gestaltet, dass er den Geist des Betrachters beruhigt und auf die Kontemplation vorbereitet. Die Anlage dieses Hofes ist geometrisch vollkommen symmetrisch. Der mittlere Weg führt direkt über eine kleine steinerne Brücke, die den Teich überspannt.
Links und rechts des Teiches liegen zwei große, überdachte Galerien aus Stein und Holz – dort befinden sich die berühmten Doktorstelen, die auf dem Rücken von Schildkröten ruhen. Diese wurden im 15. Jahrhundert zur Zeit der Lê-Dynastie hinzugefügt, als die Bildungstradition Vietnams ihren Höhepunkt erreichte.
Der dritte Hof im Literaturtempel war ursprünglich der Ort, an dem die Namen der erfolgreichsten Absolventen der kaiserlichen Prüfungen bekannt gegeben wurden. Hier versammelten sich Gelehrte, Beamte und Schüler, um die Namen jener zu ehren, die durch Fleiß, Weisheit und Tugend zu Doktoren der Nation ernannt worden waren. So verbindet dieser Hof das Geistige mit dem Irdischen, das Streben mit der Vollendung – ein Raum der Erkenntnis und des Ruhmes zugleich.
Die Doktorstelen – Bia Tiến Sĩ
Auf beiden Seiten des Thiên Quang Tỉnh-Teiches stehen in langen, überdachten Galerien die Doktorstelen (Bia Tiến Sĩ) – 82 Steinplatten, die die Namen und Leistungen jener Männer bewahren, die die höchsten Prüfungen des Reiches bestanden hatten. Diese Stelen wurden in den Jahren 1484 bis 1780 während der Lê- und Mạc-Dynastien errichtet. Insgesamt sind hier die Namen von 1307 Doktoren eingraviert.
Jede Stele ist auf dem Rücken einer steinernen Schildkröte (rùa) platziert, einem der vier heiligen Tiere Vietnams – neben dem Drachen, dem Phönix und dem Einhorn. Die Schildkröte symbolisiert Langlebigkeit, Weisheit, Stabilität und Gedächtnis.
In der vietnamesischen Tradition gilt sie als Hüterin der Schrift und als Symbol für unvergängliches Wissen. Dass die Stelen auf Schildkröten ruhen, bedeutet, dass das Wissen der Gelehrten für immer getragen und bewahrt wird – fest, beständig und unvergänglich.
Die Stelen selbst sind aus grauem oder blauem Granit gefertigt, etwa 1,4 Meter breit und 1,7 Meter hoch, jede mit einem kunstvoll verzierten Giebel. Am oberen Rand befindet sich meist ein Relief mit Wolkenmustern oder Drachenköpfen – Symbole für Aufstieg und göttliche Inspiration.
Die Inschriften wurden in klassischem chữ Hán (Altchinesisch) eingraviert und erzählen vom Zweck der Prüfungen, der Bedeutung des Wissens und von den Tugenden der Gelehrten.
Der Text auf den Stelen beginnt meist mit einer feierlichen Widmung an den Kaiser und den Staat, gefolgt von der Erklärung des Prüfungsjahres, dem Namen des verantwortlichen Prüfungskommissars, und schließlich der Liste der erfolgreichen Kandidaten.
Neben den Namen werden auch Herkunft, Geburtsort und das Prüfungsergebnis genannt. Diese Inschriften sind nicht nur historische Dokumente, sondern auch moralische Lehren, die künftige Generationen inspirieren sollen.
Ein Beispiel einer Stele aus dem Jahr 1442 lautet in der Originalsprache:
‘皇明宣德丙寅科進士題名記’
Übersetzt: ‘Aufzeichnung der Namen der Doktoren, die die Prüfungen des Jahres Bính Dần (1442) unter der Herrschaft des Kaisers Minh Mạng bestanden haben.’
Ein weiterer Auszug, der den Geist der Bildung beschreibt:
‘學者以修身為本,以致知為貴。’
Übersetzt: ‘Für den Gelehrten ist die Selbstkultivierung die Grundlage und das Erlangen von Wissen das Kostbarste.’
‘聖王設科取士,以養天下之才,興邦安民也。’
Übersetzt: ‘Die heiligen Könige richten Prüfungen aus, um die Begabten des Reiches zu fördern und das Land zu stärken und das Volk zu schützen.’
Diese Worte drücken den tiefen Sinn des konfuzianischen Bildungssystems aus: Wissen war kein Selbstzweck, sondern ein Dienst an der Gemeinschaft und am Staat.
Die Inschriften sind in ihrer Sprache kunstvoll mit parallelen Satzstrukturen und ritueller Würde verfasst. Sie sind nicht nur Aufzeichnungen, sondern auch literarische Kunstwerke. Heute gehören die Doktorstelen des Văn Miếu zum UNESCO-Weltdokumentenerbe und gelten als heiliges Symbol vietnamesischer Gelehrsamkeit.
Der Anblick der langen Reihen von Schildkröten, die still das Gewicht der Stelen tragen, erzeugt eine Atmosphäre tiefer Ehrfurcht. Jede Stele steht für Wissen, Ausdauer und Verantwortung – Tugenden, die bis heute das Herz der vietnamesischen Bildungskultur bilden. Der dritte Hof des Literaturtempels bleibt so ein Monument des Geistes, ein Ort, an dem Wissen nicht nur bewahrt, sondern verehrt wird.
Der vierte Hof – Khu Đại Thành (Hof der Großen Vollendung)
Der Khu Đại Thành ist das Herzstück des Văn Miếu. Dieser Hof im Literaturtempel wurde ebenfalls unter Kaiser Lý Thánh Tông errichtet und in den Jahrhunderten danach mehrfach umgebaut, insbesondere während der Trần- und Lê-Dynastien. Die heutige Struktur stammt weitgehend aus dem 18. Jahrhundert.
Der Hof ist rechteckig angelegt, etwa 70 Meter lang und 30 Meter breit und von Mauern umgeben, die ihn klar vom Rest der Anlage trennen. Er wird von einem zentralen Weg durchzogen, der direkt zum Hauptgebäude führt – der Zeremonienhalle (Đại Bái Đường). Auf beiden Seiten des Hofes befinden sich Nebengebäude, die einst den Priestern, Zeremonienleitern und Gelehrten vorbehalten waren.
Die Atmosphäre des Hofes ist feierlich und ruhig. In der Mitte des gepflasterten Bodens stehen große bronzene Räuchergefäße, in denen während der Zeremonien Weihrauch verbrannt wurde. Das sanfte Spiel von Rauch und Licht im Schatten der alten Banyanbäume gibt diesem Ort eine beinahe mystische Würde.
Der Khu Đại Thành symbolisiert die höchste Stufe menschlicher Vervollkommnung – das Ziel, dem der Gelehrte sein Leben widmet: Weisheit, Tugend und Menschlichkeit.
Die Zeremonienhalle – Đại Bái Đường (Großes Haus der Zeremonien)
Das prächtigste Gebäude des vierten Hofes ist die Đại Bái Đường, die große Zeremonienhalle. Sie wurde ebenfalls ursprünglich im 11. Jahrhundert errichtet, in der Lý-Zeit, und im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erweitert, zuletzt im frühen 19. Jahrhundert.
Die Halle ist ein Meisterwerk vietnamesischer Holzarchitektur. Sie misst etwa 33 Meter in der Länge, 13 Meter in der Breite und 11 Meter in der Höhe. Ihr Fundament besteht aus großen Steinsockeln, auf denen mächtige hölzerne Säulen aus Eisenholz (gỗ lim) ruhen – jedes Stück von Hand behauen, glatt poliert und mit fein geschnitzten Ornamenten versehen. Die Säulen tragen das schwere, doppelt geschwungene Dach, das mit glasierten Terrakotta-Ziegeln gedeckt ist.
Das Dach der Đại Bái Đường besitzt zwei Ebenen, die an den Enden weit nach oben gezogen sind. Diese elegant geschwungenen Dachspitzen sind mit Drachenfiguren (rồng) verziert, die sich in der Mitte begegnen und so den Kreislauf von Himmel und Erde symbolisieren. Unter den Dachkanten sind geschnitzte Holzelemente mit Wolkenmotiven, Lotusblüten und Fledermäusen angebracht – Zeichen für Glück und Harmonie.
Das Innere der Zeremonienhalle im Literaturtempel ist weitläufig und in drei Hauptabschnitte unterteilt. Der mittlere Teil ist der wichtigste, hier wurden Zeremonien zu Ehren von Konfuzius abgehalten. Große, lackierte Holztüren öffnen sich nach Süden, und die Decke besteht aus einem kunstvollen Dachgerüst mit Querbalken, die ineinandergreifen und ohne Nägel verbunden sind – ein typisches Merkmal traditioneller vietnamesischer Holzbaukunst.
Im vorderen Teil der Halle stehen Altartische, bronzene Krüge, Räuchergefäße und Holztafeln mit Inschriften. Die Halle war Ort der offiziellen Feiern zum Geburtstag Konfuzius’ sowie für Ehrungen der Doktoren. Hier wurden die erfolgreichsten Gelehrten des Reiches nach den kaiserlichen Prüfungen feierlich empfangen und geehrt. Die Đại Bái Đường ist somit nicht nur architektonisch das Zentrum, sondern auch der emotionale und rituelle Höhepunkt des Literaturtempels.
Der Konfuziustempel – Đại Thành Điện (Halle der großen Vollendung)
Hinter der Zeremonienhalle liegt das Allerheiligste des gesamten Komplexes: die Đại Thành Điện, die ‘Halle der großen Vollendung’. Dieses Heiligtum ist Konfuzius (Khổng Tử) und seinen bedeutendsten Schülern gewidmet. Es wurde ebenfalls zur Zeit der Lý-Dynastie errichtet und diente von Anfang an als Ort der Verehrung des Lehrmeisters.
Das Gebäude ist kleiner, aber noch feierlicher als die Zeremonienhalle. Es misst etwa 20 Meter in der Länge, 10 Meter in der Breite und besitzt ein hohes, nach oben geschwungenes Dach, das an den Enden von Phönixen und Drachen bewacht wird.
Das Dach ist doppelt gestuft, wodurch ein Gefühl von Aufstieg und Leichtigkeit entsteht. Die Wände bestehen aus dunklem Holz, das mit rotem und goldenem Lack überzogen ist – Farben, die königliche Würde und geistige Erleuchtung symbolisieren.
Im Inneren der Đại Thành Điện steht auf einem erhöhten Podest die große Konfuziusstatue. Sie ist aus Holz geschnitzt, vergoldet und zeigt den Weisen in ruhiger, erhabener Haltung, mit einem langen Gewand und gefalteten Händen. Sein Gesicht ist mild, aber ernst, Ausdruck von Weisheit, Güte und innerer Kraft.
Um die Statue herum sind Figuren seiner vier berühmtesten Schüler aufgestellt: Yan Hui (Nhan Uyên), Zengzi (Tăng Tử), Zisi (Tử Tư) und Mencius (Mạnh Tử). Sie stehen in respektvoller Haltung, leicht dem Meister zugewandt, und symbolisieren die Kontinuität seiner Lehre. Hinter ihnen hängen hölzerne Tafeln mit goldenen Inschriften, auf denen moralische Lehren und Zitate aus den Analekten Konfuzius’ eingraviert sind.
Ein bekanntes Zitat lautet:
‚Học nhi thời tập chi, bất diệc duyệt hồ?‘
– ‘Zu lernen und das Gelernte beständig zu üben – ist das nicht eine Quelle der Freude?’
Die gesamte Atmosphäre der Halle ist von Würde und Stille erfüllt. Der Duft von Weihrauch, das goldene Schimmern des Lacks und das sanfte Licht, das durch die hölzernen Fenster fällt, schaffen ein Gefühl von Zeitlosigkeit.
Hinter dem Hauptaltar befinden sich kleinere Schreine, die späteren vietnamesischen Gelehrten gewidmet sind, die die konfuzianische Lehre besonders gefördert haben. So verschmilzt hier die Verehrung des chinesischen Weisen mit der vietnamesischen Gelehrtentradition zu einem einzigartigen kulturellen Ausdruck.
Der Konfuziustempel (Đại Thành Điện) bildet mit der Đại Bái Đường zusammen das spirituelle Zentrum des gesamten Literaturtempels. Beide Gebäude, verbunden durch eine offene Terrasse und flankiert von seitlichen Gängen, bilden eine architektonische Einheit, die den Aufstieg des Geistes – vom Lernen über die Prüfung bis zur moralischen Vollendung – symbolisiert.
Die Architektur des vierten Hofes ist von tiefem Gleichgewicht geprägt: klare Achsen, offene Räume, harmonische Proportionen. Holz, Stein, Wasser und Luft verbinden sich zu einem Ort, der mehr ist als ein Tempel – ein Sinnbild für den geistigen Weg des Menschen.
Der Khu Đại Thành steht so für die letzte Stufe des konfuzianischen Ideals: Die Vereinigung von Wissen und Tugend, die Erleuchtung durch Weisheit und die Harmonie zwischen Himmel, Erde und Mensch.
Der fünfte Hof – Khu Thái Học (Hof der Großen Lehre)
Der fünfte Hof des Literaturtempels (Văn Miếu) im vietnamesischen Khu Thái Học, wurde ursprünglich im Jahr 1076 unter Kaiser Lý Nhân Tông angelegt, als er die erste nationale Universität Vietnams, die Quốc Tử Giám (Kaiserliche Akademie), gründete.
Dieser Hof schließt unmittelbar an den vierten an und bildet den nördlichsten Teil des gesamten Tempelkomplexes. Er war von Beginn an dem Unterricht, der Forschung und der moralischen Erziehung der künftigen Staatsbeamten gewidmet.
Während die ersten vier Höfe in erster Linie der Verehrung, Prüfung und Ehrung dienten, war der fünfte Hof im Literaturtempel der Ort des Lernens selbst. Hier lebten und studierten die besten Schüler des Landes, die von ihren Familien oder vom Kaiser ausgesucht wurden.
Der Hof wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach zerstört und wieder aufgebaut. Der letzte große Wiederaufbau erfolgte im Jahr 2000, als die Anlage vollständig restauriert und der ursprünglichen Struktur der Lý- und Lê-Zeit nachempfunden wurde.
Der Khu Thái Học ist rechteckig und weitläufig angelegt. Er wird von einer breiten, mit roten Ziegeln gepflasterten Fläche dominiert, die von Gärten und Bäumen umgeben ist. Seine Architektur zeigt den Übergang von der rituellen Welt des Tempels zur praktischen Welt der Bildung.
Besonders auffällig sind die geschwungenen Dachformen der Gebäude, die weit nach außen reichen und an den Enden elegant nach oben gezogen sind. Diese typische Form vietnamesischer Tempeldächer soll das Böse abwehren und den Blick symbolisch gen Himmel lenken – hin zur Erleuchtung und zum Wissen.
Die Dächer sind mit glasierten, rotbraunen Ziegeln gedeckt und ruhen auf Holzbalken aus gỗ lim, einem besonders harten vietnamesischen Eisenholz. Zwischen den Dächern und den Gängen öffnen sich weite Innenhöfe, die Licht und Luft durchströmen. Der gesamte Hof wirkt dadurch hell, harmonisch und friedlich – ein idealer Ort für geistige Konzentration.
Die Gebäude des fünften Hofes – Thái Học Viện (Halle der Großen Lehre)
Das zentrale Bauwerk des Hofes im Literaturtempel ist die Thái Học Viện, die ‘Halle der großen Lehre’. Dieses zweistöckige Gebäude ist das Herz des fünften Hofes und zugleich eine Rekonstruktion der ursprünglichen Universitätsstruktur aus dem 11. Jahrhundert. Sie dient heute als Gedenk- und Bildungsstätte, die den großen Gelehrten Vietnams gewidmet ist.
Die Thái Học Viện ist aus Holz und Stein errichtet, etwa 44 Meter lang, 25 Meter breit und rund 12 Meter hoch. Ihr zweistöckiges Dachsystem mit weit ausladenden, nach oben geschwungenen Giebeln symbolisiert Aufstieg und Wissen. Die Dachränder enden in geschwungenen Drachenformen, deren Körper sich kunstvoll entlang der Dachfirste winden – Zeichen der königlichen Würde und des geistigen Aufstiegs.
Die Architektur folgt einem klassischen vietnamesischen Schema: offene Holzbalken, kräftige Säulen, kunstvolle Verzierungen. Im Inneren sind die Decken hoch, das Holz dunkel lackiert und mit goldenen Schriftzeichen versehen. Auf den Querbalken finden sich Inschriften mit moralischen Maximen aus der konfuzianischen Lehre wie:
‚Học vi nhân chi bản’ – ‘Das Lernen ist die Grundlage des Menschseins.‘
Im Erdgeschoss der Thái Học Viện befindet sich eine Ehrenhalle, in der die Geschichte der kaiserlichen Akademie und der Bildung in Vietnam dargestellt wird. Tafeln und Schautafeln erzählen von den Kaisern, Gelehrten und Schülern, die hier wirkten. Große Holzstelen mit goldenen Inschriften würdigen ihre Verdienste.
Im Obergeschoss befindet sich die Ahnenhalle, in der die wichtigsten Lehrer und Gelehrten Vietnams verehrt werden. In der Mitte steht eine Statue von Chu Văn An (1292–1370), einem der angesehensten Lehrer Vietnams, der für seine moralische Integrität und seinen unbeugsamen Charakter bekannt war. Er war der Rektor der Quốc Tử Giám und wurde später als Ideal eines gerechten, aufrichtigen Lehrers verehrt.
Flankiert wird die Statue von Altären, auf denen während wichtiger Zeremonien Opfergaben niedergelegt werden. Auf beiden Seiten der großen Halle stehen kleinere Pavillons, die den Göttern des Wissens und der Weisheit geweiht sind.
Die gesamte Gestaltung der Thái Học Viện symbolisiert die Entwicklung des Geistes: vom Schüler (im Erdgeschoss) über den Lehrer (im Obergeschoss) bis hin zum Weisen (in der geistigen Dimension des Tempels). Der Hof und seine Gebäude stehen für die Verbindung von Tradition, Moral und Bildung – das Herz der vietnamesischen Kultur.
Der Altar und die Statue des Chu Văn An (Rektor der Kaiserlichen Akademie)
Der Altar und die Statue des Chu Văn An befinden sich im fünften Hof (Khu Thái Học) des Literaturtempels (Văn Miếu) in Hanoi, im oberen Stockwerk der Thái Học Viện (Halle der Großen Lehre). Dieser Ort ist der höchsten Verehrung gewidmet, die einem vietnamesischen Lehrer zuteilwerden kann.
Die Statue und der Altar wurden im Jahr 2000 errichtet, als der fünfte Hof rekonstruiert wurde, um an das geistige Vermächtnis dieses großen Gelehrten zu erinnern.
Der Altar des Chu Văn An ist schlicht, aber erhaben gestaltet. Er besteht aus dunklem, massivem Eisenholz (gỗ lim) und ist reich verziert mit traditionellen Ornamenten – Wolkenbändern, Drachenmotiven und Lotusblüten, die Reinheit und Tugend symbolisieren. Der Altar ruht auf einem steinernen Podest, das leicht erhöht ist, und trägt Opfergefäße aus Bronze sowie Räuchergefäße, Kerzenständer und Blumenvasen.
Hinter dem Altar hängt eine hölzerne Tafel mit vergoldeten Schriftzeichen:
‚Vạn thế sư biểu‘ – ‚Lehrer für alle Zeiten‘ – ein Ehrentitel, der Chu Văn An als Inbegriff des idealen Lehrers kennzeichnet.
Die Statue des Chu Văn An steht unmittelbar über dem Altar. Sie ist aus Bronze gegossen, etwa 1,5 Meter hoch und zeigt den Gelehrten in sitzender Haltung auf einem niedrigen Podest.
Sein Gesichtsausdruck ist ruhig, ernst und würdevoll – die Augen halb geschlossen, als schaue er in sich selbst voller Nachdenken und Weisheit. Sein Gewand ist schlicht, ohne prunkvolle Ornamente, was seine Bescheidenheit und moralische Reinheit symbolisiert. Die Falten des Gewandes sind fein modelliert und verleihen der Figur eine fast lebendige Natürlichkeit.
Leben und Bedeutung des Chu Văn An
Chu Văn An (1292–1370) wurde während der Trần-Dynastie in der Provinz Hải Dương geboren. Schon früh zeigte er außergewöhnliche Begabung und Wissensdurst. Er bestand die kaiserlichen Prüfungen mit Auszeichnung und wurde zunächst Lehrer für adlige Kinder, bevor er zum Rektor der Quốc Tử Giám der Kaiserlichen Akademie in Thăng Long (dem heutigen Hanoi) berufen wurde.
Als Rektor war Chu Văn An ein Vorbild für Gelehrsamkeit, Bescheidenheit und moralische Integrität. Er lehrte Generationen junger Mandarine, das wahre Bildung nicht im Streben nach Macht, sondern in der Vervollkommnung des Charakters liegt.
Sein berühmtes Prinzip lautete:
‚Học để làm người‘ – ‚Lernen, um ein Mensch zu sein.‘
Chu Văn An war bekannt für seinen unbeugsamen Charakter. Als er sah, wie Korruption und moralischer Verfall am kaiserlichen Hof zunahmen, reichte er das sogenannte Sieben-Köpfe-Gesuch (Thất trảm sớ) ein – eine mutige Petition, in der er forderte, sieben korrupte Hofbeamte hinzurichten, um das Land zu reinigen.
Der Kaiser lehnte dies ab. Aus Protest legte Chu Văn An sein Amt nieder, zog sich aus dem Staatsdienst zurück und lebte bis zu seinem Tod als Einsiedler in den Bergen, wo er weiter unterrichtete und seine Schüler moralisch bildete.
Sein Leben wurde zum Inbegriff konfuzianischer Tugend: Mut, Rechtschaffenheit, Bescheidenheit und Hingabe an die Wahrheit. Bis heute gilt er in Vietnam als Symbol des reinen, uneigennützigen Lehrers – eines Menschen, der Wissen nicht für Ruhm, sondern für das Wohl der Gesellschaft lehrte.
Der Altar und die Statue des Chu Văn An im Văn Miếu erinnern an diesen Geist. Sie stehen als Mahnmal für die unverrückbaren Werte des Lehrens und Lernens: Ehrlichkeit, Pflichtbewusstsein und die unerschütterliche Suche nach Weisheit. So bleibt Chu Văn An der ‘Lehrer für alle Zeiten’ – das moralische Gewissen der vietnamesischen Bildungstradition.
Trống Lớn (Große Trommel, westlicher Pavillon)
Auf der westlichen Seite des fünften Hofes im Literaturtempel befindet sich der Trommelpavillon, der die Trống Lớn, die große Trommel des Literaturtempels, beherbergt. Diese Trommel ist nicht nur ein Musikinstrument, sondern ein rituelles Symbol, das mit der Lehre und der Zeit selbst verbunden ist.
Die Trống Lớn wurde nach traditionellen Methoden aus einem einzigen Baumstamm gefertigt, vermutlich aus Jackfrucht-Holz (gỗ mít), das wegen seiner Festigkeit und guten Klangqualität verwendet wird. Sie ist rund 2,5 Meter im Durchmesser, etwa 3 Meter lang und wiegt über 1000 Kilogramm. Ihre beiden Schlagflächen bestehen aus dickem, sorgfältig gegerbtem Büffelleder, das straff über den Holzkorpus gespannt ist.
Die Trommel steht auf einem kunstvoll geschnitzten Holzgestell in einem offenen Pavillon. Der Pavillon selbst ist aus rotem Holz gefertigt, das Dach mit glasierten Ziegeln gedeckt und an den Ecken elegant geschwungen. In die Balken sind Drachen, Lotusblüten und stilisierte Wolken eingearbeitet – Symbole für Kraft, Erhabenheit und Reinheit.
Traditionell wurde die Trống Lớn zu wichtigen Zeremonien geschlagen – etwa zur Eröffnung und zum Abschluss der Prüfungen oder bei großen Feiern zu Ehren von Konfuzius. Ihr tiefer, dröhnender Klang sollte die Geister des Himmels und der Erde vereinen und die Aufmerksamkeit der Götter auf die Zeremonien lenken. Der Trommelschlag galt auch als Zeichen des Neubeginns und der Disziplin – ein Ruf an alle Schüler, mit klarem Geist zu lernen.
Wenn die Trommel erklang, hallte ihr Ton über den gesamten Tempel hinweg. Sie wurde zum Herzschlag des Khu Thái Học, zum Klang der Lehre selbst – majestätisch, kraftvoll, tief.
Chuông Lớn (Große Glocke, östlicher Pavillon)
Auf der östlichen Seite des fünften Hofes im Literaturtempel befindet sich das Gegenstück zur Trommel: der Glockenpavillon, in dem die Chuông Lớn die große Glocke hängt. Sie wurde aus Bronze gegossen und ist ein Meisterwerk traditioneller vietnamesischer Metallkunst.
Die Glocke misst etwa 2,1 Meter in der Höhe und hat einen Durchmesser von rund 1,3 Metern. Ihr Gewicht beträgt etwa 700 Kilogramm. Der Klang ist tief, klar und lang anhaltend – ein Ton, der nicht nur gehört, sondern gefühlt wird.
Der Pavillon, in dem sie hängt, ist ähnlich gestaltet wie der Trommelpavillon: aus Holz gebaut, mit vier kräftigen Säulen, die das geschwungene Dach tragen. Die Glocke ist an einem kunstvoll verzierten Holzrahmen aufgehängt, der mit Wolken- und Drachensymbolen versehen ist.
Auf der Oberfläche der Glocke sind chữ Hán-Inschriften eingraviert, die dem Klang eine spirituelle Bedeutung verleihen. Eine der Inschriften lautet:
‘Âm thanh chiếu thiên địa, trí tuệ chiếu nhân gian’
– ‚Der Klang erleuchtet Himmel und Erde, die Weisheit erhellt die Welt der Menschen.‘
Die Glocke wurde bei feierlichen Zeremonien geläutet, meist in Verbindung mit der Trommel. Während die Trommel den Rhythmus des Lebens symbolisierte, stand der Klang der Glocke für Erleuchtung und Harmonie. Das Zusammenspiel beider Instrumente – Trommel und Glocke – verkörperte die Verbindung von Körper und Geist, von Disziplin und Erkenntnis.
Der Klang der Chuông Lớn ist sanft, aber tief durchdringend. Er breitet sich langsam aus, wie Wellen, die durch den Geist ziehen, und erfüllt den Hof mit einer Atmosphäre stiller Erhabenheit. Der Glockenschlag ist das letzte Zeichen des rituellen Gleichgewichts – ein Ruf zur Ruhe, Besinnung und inneren Klarheit.
So stehen Trommel und Glocke als musikalische Zwillinge des Wissens: Der eine Klang weckt, der andere erleuchtet. Zusammen bilden sie den akustischen Atem des Literaturtempels (Văn Miếu) – zeitlos, harmonisch und bis heute von ehrfurchtgebietender Schönheit.
Legenden rund um den Literaturtempel (Văn Miếu)
Seit fast einem Jahrtausend ist der Literaturtempel (Văn Miếu) nicht nur ein Ort der Gelehrsamkeit, sondern auch ein Hort von Mythen und Legenden, die das geistige und emotionale Leben der Vietnamesen aber auch ganz Asiens widerspiegeln.
Diese Geschichten, überliefert von Generation zu Generation, erzählen von Wundern, Prüfungen, göttlichen Zeichen und den Tugenden jener, die hier Wissen suchten. Sie verbinden Geschichte und Volksglaube, vermischen Realität mit Symbolik und verleihen dem Ort eine fast mystische Aura.
Die Legende vom leuchtenden Teich – ‘Ánh sáng Thiên Quang’ (Das Licht des Himmelsbrunnens)
Es heißt, dass in den frühen Jahren nach der Gründung des Literaturtempels der Thiên Quang Tỉnh, der ‘Brunnen des Himmlischen Lichts’ nicht nur gewöhnliches Wasser enthielt. In stillen Nächten, so berichten alte Mönche, soll das Wasser ein sanftes goldenes Leuchten ausgestrahlt haben, das den gesamten Hof in ein warmes Licht tauchte.
Ein junger Schüler, der am Teich meditierte, fragte den alten Lehrer:
‘Meister, warum leuchtet das Wasser, wenn alle Lampen gelöscht sind?’
Der Lehrer antwortete: ‚Weil das Licht nicht aus dem Teich kommt, sondern aus deinem Herzen. Wer den Geist reinigt, erhellt die Welt.‘
Seitdem heißt es, dass der Teich nur jenen sein wahres Licht zeigt, die mit aufrichtigem Herzen lernen. Viele Schüler kommen vor Prüfungen an den Teich, um ihr Spiegelbild zu betrachten und sich daran zu erinnern, dass wahres Wissen aus innerer Klarheit entspringt.
Die Legende der Schildkröte der ewigen Weisheit
‚Rùa thiêng Văn Miếu‘ (Die heilige Schildkröte des Literaturtempels)
Einst, so erzählt man, wurde der Bau der Doktorstelen (Bia Tiến Sĩ) durch ein großes Erdbeben gestört. Die Arbeiter fürchteten, dass die schweren Steinplatten niemals sicher stehen würden. In der Nacht erschien dem Hauptarchitekten eine riesige Schildkröte im Traum.
Sie sprach mit sanfter, aber bestimmter Stimme:
‚Ich bin Kim Quy, die goldene Schildkröte des Ostsees. Wenn ihr das Wissen ehrt, will ich es tragen.‘
Am nächsten Morgen fand man im Teich neben dem Hof eine große Schildkröte aus Stein, deren Rücken sich wie eine glatte Platte formte. Die Menschen sahen darin ein göttliches Zeichen und begannen, alle Stelen auf Schildkrötenrücken zu stellen – als Symbol, dass das Wissen der Nation von der Weisheit der Erde getragen wird.
Man sagt, jede Schildkröte im Literaturtempel schläft, aber niemals stirbt. Und wer einen ihrer Rücken leicht berührt, ohne Hochmut, dem wird Erinnerungskraft und Ausdauer im Lernen verliehen.
Die Legende vom fliegenden Pinsel
‚Bút bay qua Văn Miếu‘ (Der Pinsel, der über den Literaturtempel flog)
In der Zeit der Lê-Dynastie lebte ein junger Gelehrter namens Lê Cảnh. Er war arm, aber fleißig und studierte Tag und Nacht in der Hoffnung, eines Tages die kaiserlichen Prüfungen zu bestehen. In der Nacht vor der letzten Prüfung war er verzweifelt: Sein Pinsel war gebrochen, und er konnte nicht weiterschreiben.
Er fiel in einen unruhigen Schlaf – und träumte, dass ein alter Mann in weißem Gewand ihm einen neuen Pinsel reichte. Der Mann sagte: ‚Dies ist der Pinsel des Himmels. Wenn du mit reinem Herzen schreibst, wird er von selbst fliegen.‘
Am nächsten Morgen wachte der Gelehrte auf und fand neben sich einen neuen Pinsel aus feinen Bambusfasern. Als er schrieb, glitt der Pinsel über das Papier, als würde er schweben. Er bestand die Prüfung als Bester und kehrte zurück, um dem Literaturtempel zu danken.
Bis heute glauben Schüler, dass man in der Nähe der großen Tore manchmal den leisen Wind eines fliegenden Pinsels spürt – ein Zeichen des himmlischen Segens für jene, die aufrichtig lernen.
Die Legende von den drei Prüfungen des Herzens
‚Ba thử thách của tâm‘ (Die drei Prüfungen des Herzens)
Eine alte Legende erzählt von einem Schüler, der den Literaturtempel betrat, um die höchste Prüfung zu bestehen. Am Tor empfing ihn ein alter Mönch und sagte:
‚Bevor du Wissen findest, musst du dein Herz prüfen. Drei Tore wirst du durchschreiten, und an jedem wird dir eine Frage gestellt.‘
Am ersten Tor fragte der Mönch:
‚Was ist schwerer zu tragen – Unwissenheit oder Stolz?‘
Der Schüler antwortete: ‘Der Stolz, denn er lässt keinen Platz für Wissen.’
Das Tor öffnete sich.
Am zweiten Tor fragte der Mönch:
‘Was ist kostbarer – Wissen oder Tugend?’
Der Schüler sprach: ‘Tugend, denn sie bewahrt das Wissen vor Missbrauch.’
Auch dieses Tor öffnete sich.
Am letzten Tor fragte der Mönch:
‘Und was ist wahrer – Erfolg oder Aufrichtigkeit?’
Der Schüler dachte lange nach und sagte: ‘Aufrichtigkeit. Denn ohne sie hat Erfolg keinen Sinn.’
Da öffnete sich das letzte Tor, und der Schüler trat in den Hof der Großen Vollendung. Später wurde er ein berühmter Lehrer, der seine Schüler lehrte:
‘Die Prüfungen des Herzens sind schwerer als die des Verstandes – doch nur wer beide besteht, erkennt den wahren Sinn des Lernens.’
Fazit zum Literaturtempel (Văn Miếu – Quốc Tử Giám)
Der Literaturtempel (Văn Miếu) in Hanoi ist weit mehr als ein historisches Bauwerk – er ist ein lebendiges Symbol für die kulturelle Identität Vietnams. Seit seiner Gründung im 11. Jahrhundert steht er für die Verehrung des Wissens, die Achtung vor dem Lehrer und die unerschütterliche Verbindung zwischen Bildung und Moral, die in ganz Asien bedeutsam ist.
Seine fünf Höfe, von den äußeren Toren bis zum Konfuziustempel erzählen die Geschichte eines geistigen Weges – vom Eintritt in die Welt des Lernens bis zur Erleuchtung durch Tugend und Weisheit. Jeder Stein, jede Inschrift, jede Säule verkörpert den Geist des Konfuzianismus, der das Denken und die Gesellschaft Vietnams über Jahrhunderte prägte.
Der Văn Miếu – Quốc Tử Giám war die Wiege der vietnamesischen Bildung, die erste Universität des Landes und der Ursprung eines nationalen Bildungsideals, das bis heute fortwirkt. Er verband religiöse Verehrung, philosophische Lehre und praktische Ausbildung zu einer einzigartigen Einheit.
Noch heute kommen Schüler, Lehrer und Besucher in den Literaturtempel, um vor Prüfungen Glück zu erbitten, um Inspiration zu suchen oder um die Stille des Geistes zu erfahren. Der Văn Miếu ist und bleibt ein Ort, an dem Wissen, Schönheit und Menschlichkeit auf harmonische Weise zusammenfinden – ein Heiligtum des Geistes, das Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet.
Hier finden Sie weitere interessante Informationen zum Literaturtempel:
https://vovworld.vn/de-DE/vietnam-entdecken/werte-des-literaturtempels-in-hanoi-wecken-1034396.vov





































