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Tiwanaku (Tiahuanaco) Bolivien – Ruinen, Geschichte und Geheimnisse

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Tiwanaku (Tiahuanaco) Bolivien – Ruinen, Geschichte und Geheimnisse

Inhaltsverzeichnis

Tiwanaku in Bolivien, das bedeutet Ruinen, Geschichte und Geheimnisse. Tiwanaku (Tiahuanaco) ist eine der bedeutendsten archäologischen Stätten Südamerikas und liegt auf rund 3.850 Metern Höhe im bolivianischen Hochland nahe des Titicacasees. Die Ruinen von Tiwanacu /Tiahuanaco) zeugen von einer hochentwickelten Kultur, die lange vor den Inka existierte und das Leben in den Anden prägte. Ihre Monumentalbauten, fein bearbeiteten Steine und rätselhaften Skulpturen faszinieren Forschende bis heute, denn sie stehen für eine lange Geschichte und bergen niohc zahlreiche Geheimnisse.

Die Ursprünge Tiwanakus reichen bis etwa 1.500 v. Chr. zurück, seine Blütezeit erlebte das Zentrum jedoch zwischen dem 5. und 11. Jahrhundert n. Chr. In dieser Epoche entwickelte sich eine komplexe Gesellschaft, die Landwirtschaft, Religion und Handel eng miteinander verband. Der Einfluss Tiwanakus reichte weit über die Anden hinaus.

Besonders bekannt sind Bauwerke wie die Akapana-Pyramide, das Kalasasaya-Plateau und das Sonnentor, das mit feinen Reliefs mythische Darstellungen zeigt. Diese monumentalen Strukturen lassen auf ein tiefes astronomisches und religiöses Wissen schließen. Viele Fragen zur Bauweise und Symbolik sind jedoch noch ungeklärt.

Heute gehört Tiwanaku zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist ein wichtiger Ort für die Identität Boliviens. Besucherinnen und Besucher erleben hier nicht nur eine eindrucksvolle Ruinenlandschaft, sondern auch die lebendige Erinnerung an eine Kultur, die das Fundament späterer andiner Zivilisationen bildete. Die Stätte bleibt ein Fenster in die Vergangenheit.

Was war Tiwanaku Bedeutung und Nutzung

Grund der Erbauung

Tiwanaku entstand im bolivianischen Hochland nahe des Titicacasees, in einer Region, die zunächst karg und unwirtlich erscheinen mag. Dennoch nutzten die Menschen der damaligen Kultur die natürlichen Gegebenheiten geschickt, um einen zentralen Ort des politischen, religiösen und gesellschaftlichen Lebens zu schaffen.

Der Grund für die Errichtung dieser monumentalen Siedlung lag nicht allein im praktischen Nutzen, sondern vor allem in der Schaffung eines symbolträchtigen Zentrums. Es sollte ein Ausdruck der Macht, des Wissens und der Verbindung zwischen Menschen, Natur und Göttern sein.

Die Lage war keineswegs zufällig gewählt. Der Titicacasee galt schon in frühen Mythen als Ursprungsort der Menschheit und als heilige Landschaft, in der Gottheiten ihren Platz hatten. Tiwanaku knüpfte direkt an diese Vorstellung an und inszenierte sich so als Schnittstelle zwischen der irdischen und der kosmischen Welt.

Der Bau der Anlage war daher auch eine Demonstration: Hier wurde nicht nur ein Zentrum für Handel und Verwaltung geschaffen, sondern auch ein spirituelles Herzstück, das Legitimität und Zusammenhalt für das ganze Reich stiftete.

Die beeindruckenden Bauwerke wie die Akapana-Pyramide oder das Kalasasaya-Plateau sind sichtbare Zeugnisse dieser Absicht. Sie repräsentierten die Fähigkeit der Gesellschaft, große Projekte kollektiv zu bewältigen, und stellten damit ein politisches und kulturelles Statement dar.

Der Bauprozess selbst war zudem ein soziales Ereignis: Viele Hände waren beteiligt, was die Bindung innerhalb der Gemeinschaft stärkte. In diesem Sinn war die Erbauung Tiwanakus selbst schon Teil der gesellschaftlichen Identität.

Weltliche Bedeutung

Tiwanaku war in seiner Blütezeit nicht nur ein religiöses Zentrum, sondern auch ein bedeutender Knotenpunkt für Handel und Verwaltung. Seine Lage im Hochland machte es möglich, Waren aus verschiedenen ökologischen Zonen zu sammeln und zu verteilen. Produkte aus dem Amazonasgebiet, aus den Tälern und den Hochanden fanden ihren Weg in die Stadt. So entwickelte sich Tiwanaku zu einer Drehscheibe für wirtschaftlichen Austausch und kulturelle Verflechtungen.

Die Stadt fungierte zudem als politisches Machtzentrum. Von hier aus wurde das Reich verwaltet, das sich über große Teile des heutigen Bolivien, Perus, Nordchiles und Argentiniens erstreckte. Die Eliten von Tiwanaku organisierten Tribute, überwachten landwirtschaftliche Produktionssysteme und sicherten durch Kontrolle von Ressourcen ihre Vormachtstellung.

Die Fähigkeit, großangelegte Bewässerungssysteme und die berühmten Waru-Waru-Felder zu unterhalten, zeugt von einer hochentwickelten Organisation.

Auch in handwerklicher Hinsicht spielte Tiwanaku eine herausragende Rolle. Steinbearbeitung, Metallurgie und Keramikproduktion erreichten ein hohes Niveau. Diese Produkte hatten nicht nur praktischen Nutzen, sondern dienten auch der Repräsentation von Status und Macht. Dadurch wurde Tiwanaku zu einem Ort, an dem wirtschaftliche Stärke, technisches Können und politische Kontrolle in einem weltlichen Sinn zusammenflossen.

Religiöse Bedeutung

Die religiöse Dimension Tiwanakus war vielleicht die tiefgreifendste. Die Monumentalbauten der Stadt zeigen klar, dass sie in erster Linie als heiliger Ort gedacht war. Tempelanlagen wie das Kalasasaya und das halbunterirdische Tempelbecken belegen die zentrale Rolle von Ritualen, Zeremonien und Mythen. Besonders eindrucksvoll ist das Sonnentor, dessen Reliefs wahrscheinlich kosmologische Zyklen und Gottheiten darstellen.

Die Bewohner Tiwanakus verehrten Gottheiten, die eng mit Naturkräften verbunden waren – Sonne, Mond, Regen und Erde. In dieser Landschaft mit ihren extremen klimatischen Bedingungen war das Vertrauen in göttlichen Schutz und göttliche Ordnung überlebenswichtig. Rituale und Opfergaben sollten das Gleichgewicht sichern und den Ertrag der Felder garantieren. Religion war hier also nicht nur ein spiritueller Akt, sondern unmittelbar mit der materiellen Existenz verbunden.

Astronomie spielte ebenfalls eine zentrale Rolle. Die Ausrichtung der Bauwerke deutet darauf hin, dass sie als Observatorien dienten, um Sonnenwenden, Tagundnachtgleichen und andere Himmelsereignisse zu beobachten. Dieses Wissen wurde genutzt, um landwirtschaftliche Zyklen zu steuern und religiöse Feste zu terminieren. Dadurch verband sich religiöse Praxis mit praktischer Notwendigkeit und unterstrich den Anspruch der Elite, sowohl im Diesseits als auch im Jenseits über Wissen und Macht zu verfügen.

Nutzung der Stätte

Tiwanaku war kein gewöhnlicher Wohnort, sondern vor allem ein zeremonielles und administratives Zentrum. Zwar lebten auch Menschen dort, doch archäologische Funde deuten darauf hin, dass die meisten Bewohner wohl temporär anlässlich religiöser oder politischer Ereignisse zusammenkamen. Die großen Plätze und Monumente waren für Massenversammlungen ausgelegt.

Die Stätte diente daher als Bühne für Rituale, Prozessionen und Feste, die sowohl religiöse als auch soziale Funktionen erfüllten. Hier wurden Bündnisse geschlossen, Tribute übergeben und Entscheidungen gefällt. Für Besucher aus entfernten Regionen war Tiwanaku eine Pilgerstätte, deren Monumentalität sie tief beeindrucken musste. So trug die Stadt wesentlich zur Verbreitung und Stabilisierung der Ideologie bei, die das Reich zusammenhielt.

Darüber hinaus war Tiwanaku ein Ort der Ausbildung und Vermittlung von Wissen. Eliten und Priester nutzten die Stadt, um astronomische Kenntnisse, religiöse Traditionen und handwerkliche Fertigkeiten zu pflegen und weiterzugeben. Die Nutzung der Stätte verband also Politik, Religion, Wirtschaft und Bildung auf einzigartige Weise.

Bedeutung Tiwanakus im gesellschaftlichen Leben

Im gesellschaftlichen Leben der Tiwanaku-Kultur hatte die Stätte eine zentrale, identitätsstiftende Funktion. Sie war Symbol der Einheit, Ausdruck gemeinsamer Werte und Verkörperung der Verbindung zwischen Menschen und Kosmos. Die großen Bauwerke wirkten wie ein ständiger Verweis auf die kollektive Leistungsfähigkeit der Gemeinschaft.

Rituale, die in Tiwanaku durchgeführt wurden, stärkten das Zugehörigkeitsgefühl und festigten soziale Hierarchien. Eliten traten als Vermittler zwischen Menschen und Göttern auf und legitimierten so ihre Stellung. Gleichzeitig boten Feste und Versammlungen Gelegenheit für Austausch, Unterhaltung und die Festigung von Beziehungen innerhalb der Gesellschaft.

Auch nach dem Niedergang der politischen Macht blieb die Stätte in den Erinnerungen und Traditionen lebendig. Für viele indigene Gemeinschaften der Anden hat Tiwanaku bis heute eine spirituelle Bedeutung. Sie sehen darin ein Erbe, das ihre kulturelle Identität stärkt und sie mit der Vergangenheit verbindet.

Somit war Tiwanaku weit mehr als eine Ansammlung von Steinen. Es war ein lebendiger Organismus, der das Leben einer ganzen Kultur prägte. Die Ruinen, die wir heute sehen, sind Überreste einer Welt, in der Religion, Politik, Gesellschaft und Natur zu einer Einheit verschmolzen.

Die Baugeschichte von Tiwanaku in Bolivien

Die archäologische Stätte Tiwanaku, gelegen im bolivianischen Hochland unweit des Titicacasees, gilt als eine der bedeutendsten Zeugnisse präkolumbianischer Hochkulturen in den Anden. Ihre Baugeschichte erstreckt sich über viele Jahrhunderte und spiegelt die Entwicklung einer Gesellschaft wider, die aus bescheidenen Anfängen heraus ein monumentales Zentrum schuf.

Die verschiedenen Bauphasen lassen sich grob in früheste Besiedlung, formative Etappen, Blütezeit sowie späte Phase und Niedergang gliedern. Jede Periode zeichnet sich durch charakteristische Bauwerke, Materialien und symbolische Ausdrucksformen aus.

Frühe Besiedlung (ca. 1500 v. Chr. – 400 n. Chr.)

Die Ursprünge Tiwanakus reichen weit zurück. Bereits um 1500 v. Chr. lassen sich erste Siedlungsspuren im Gebiet nachweisen, auch wenn sie architektonisch noch wenig monumental waren. Kleine Dorfgemeinschaften nutzten die fruchtbaren Böden am Ufer des Titicacasees für Ackerbau und Viehzucht. Die Siedlungen bestanden aus einfachen Gebäuden aus Adobe, also luftgetrockneten Lehmziegeln.

In dieser frühen Phase entstanden vermutlich die Grundlagen für eine dauerhafte Besiedlung: Bewässerungssysteme, die den Anbau von Kartoffeln, Quinoa und anderen andinen Kulturpflanzen ermöglichten, sowie erste rituelle Plätze für gemeinschaftliche Zeremonien. Zwar sind aus dieser Zeit keine großen Steinbauten überliefert, doch archäologische Funde von Keramik und Bestattungen deuten darauf hin, dass sich bereits eine komplexere Gesellschaft entwickelte.

Die frühe Baugeschichte war somit vor allem funktional geprägt: Die Menschen schufen sich Strukturen, die ihr Überleben in einer rauen Umgebung sicherten. Gleichzeitig legten sie den symbolischen Grundstein für die spätere Monumentalarchitektur, indem sie religiöse Vorstellungen in kleinen Kultstätten und Ritualplätzen zum Ausdruck brachten.

Formative Phase (ca. 400 – 600 n. Chr.)

Um das 4. Jahrhundert n. Chr. setzte ein grundlegender Wandel ein. Die Bevölkerung nahm zu, und Tiwanaku begann, sich von einer einfachen Siedlung zu einem regionalen Zentrum zu entwickeln. Diese Phase markiert den Übergang von bescheidenen Lehmkonstruktionen hin zu ersten massiven Steinbauten.

Besonders bedeutend ist die Errichtung des halbunterirdischen Tempels. Dieses Bauwerk aus sorgfältig behauenen Steinen bildet eine rechteckige, abgesenkte Anlage, deren Wände mit in die Mauer eingelassenen Steinköpfen geschmückt sind. Die symbolische Bedeutung dieses Ortes ist bis heute nicht eindeutig geklärt, doch vermutlich diente er als Ort religiöser Initiationen oder Ahnenverehrung. Architektonisch markiert er den Beginn der monumentalen Tradition Tiwanakus.

Auch das Kalasasaya-Plateau wurde in dieser Epoche angelegt. Zunächst handelte es sich um eine offene Plattform, die später mehrfach erweitert wurde. Hier wurden astronomische Beobachtungen mit kultischen Handlungen verbunden. Diese Bauten zeigen bereits das technische Können der Steinmetze, die große Blöcke präzise bearbeiteten und aufeinander abstimmten.

Klassische Blütezeit (ca. 600 – 1000 n. Chr.)

Die klassische Phase gilt als Höhepunkt Tiwanakus, in der die Stadt zu einer Metropole von geschätzten 20.000 bis 40.000 Einwohnern anwuchs. In dieser Epoche entstanden die größten und bedeutendsten Bauwerke, die Tiwanaku bis heute weltberühmt machen.

Späte Phase (ca. 1000 – 1150 n. Chr.)

Gegen Ende des 1. Jahrtausends n. Chr. begann der Niedergang Tiwanakus. Klimatische Veränderungen, insbesondere eine langanhaltende Dürre im Hochland, führten zu einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktivität. Dies schwächte die wirtschaftliche Basis der Stadt und löste politische Spannungen aus.

Die Bautätigkeit nahm spürbar ab. Neue Monumentalbauten entstanden kaum mehr, stattdessen konzentrierte man sich auf kleinere Erweiterungen und Reparaturen. Viele der großen Tempel und Plätze wurden weiterhin genutzt, doch ihre Funktion wandelte sich. Einige Bereiche scheinen mehr für lokale als für überregionale Rituale von Bedeutung gewesen zu sein.

In dieser späten Phase sind Anzeichen eines schrittweisen Zerfalls der politischen Struktur erkennbar. Die ehemals zentrale Rolle Tiwanakus im Andenraum verlor an Bedeutung, während neue Machtzentren in anderen Regionen entstanden. Um 1150 n. Chr. wurde die Stätte schließlich aufgegeben.

Nachwirkung und Wiederentdeckung

Auch nach ihrem Niedergang blieb Tiwanaku in den Erinnerungen der indigenen Völker präsent. Mythen berichten von Göttern, die hier die Welt erschufen. Für die Inka war Tiwanaku ein heiliger Ort, den sie mit ihren eigenen Ursprungslegenden verknüpften.

Die monumentalen Ruinen überdauerten die Jahrhunderte und wurden in der Kolonialzeit von europäischen Chronisten erstmals beschrieben. Seit dem 19. Jahrhundert begannen systematische Ausgrabungen, die bis heute andauern. Archäologen und Historiker versuchen, die komplexe Baugeschichte zu rekonstruieren und die noch offenen Fragen zu beantworten.

Die Baugeschichte Tiwanakus ist daher nicht nur ein Spiegel der Vergangenheit, sondern auch ein fortdauerndes Forschungsfeld. Jede neu entdeckte Struktur, jeder bearbeitete Stein erzählt von einer Kultur, die es verstand, ihre Welt in monumentaler Architektur auszudrücken.

Die Baugeschichte Tiwanakus zeigt eindrucksvoll, wie eine Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg eine unscheinbare Siedlung in ein monumentales Zentrum verwandelte. Von den bescheidenen Anfängen der frühen Besiedlung über die ersten Steinbauten der formativem Phase bis hin zur klassischen Blüte mit Pyramiden, Tempeln und präzise bearbeiteten Monolithen offenbart sich ein kontinuierlicher Prozess kultureller und technologischer Entwicklung.

Tiwanaku war dabei nie nur ein Ort aus Stein, sondern ein lebendiges Abbild des Weltbildes seiner Erbauer. Jede Bauphase spiegelt gesellschaftliche Umbrüche, religiöse Vorstellungen und ökonomische Bedingungen wider. So ist die Baugeschichte von Tiwanaku ein Schlüssel, um die gesamte Kultur zu verstehen – und ein Monument für die kreative Kraft menschlicher Gemeinschaften in den Höhen der Anden.

Die Steine von Tiwanaku

Herkunft der Steine

Eines der faszinierendsten Merkmale der Ruinen von Tiwanaku ist die Tatsache, dass die verwendeten Steine nicht aus der unmittelbaren Umgebung stammen. Viele der monumentalen Blöcke wurden über große Entfernungen hinweg transportiert. Besonders die roten Sandsteine, die für Bauwerke wie die Akapana-Pyramide verwendet wurden, stammen aus einem Steinbruch bei Querimarka, rund 10 Kilometer von Tiwanaku entfernt.

Die noch gewaltigeren Andesitblöcke, die vor allem im Pumapunku-Komplex zu finden sind, wurden aus Steinbrüchen bei der Halbinsel Copacabana am Titicacasee gewonnen – eine Entfernung von etwa 90 Kilometern. Angesichts des enormen Gewichts einiger dieser Blöcke, die mehr als 100 Tonnen erreichen, stellt dies eine herausragende logistische Leistung dar.

Die Tatsache, dass diese Steine nicht lokal verfügbar waren, zeigt, dass ihre Auswahl eine bewusste Entscheidung war. Die Baumeister wollten Materialien verwenden, die symbolische oder ästhetische Bedeutung hatten. Der Transport über große Distanzen diente nicht allein praktischen Zwecken, sondern sollte auch die Macht und Organisation der Tiwanaku-Gesellschaft unter Beweis stellen.

Transport der Steine Tiwanakus ohne Rad

Eine der größten Fragen zur Baugeschichte Tiwanakus betrifft die Methoden, mit denen diese gigantischen Steine bewegt wurden. Das Rad war in den Anden für Transportzwecke nicht bekannt, da es im unwegsamen Hochland mit seinen steilen Hängen, sumpfigen Böden und fehlenden Zugtieren wenig praktikabel war. Dennoch gelang es den Menschen, die tonnenschweren Blöcke über weite Strecken zu befördern.

Archäologen vermuten verschiedene Techniken. Eine Möglichkeit war der Transport auf hölzernen Rollen oder Schlitten, die über präparierte Wege gezogen wurden. Dabei könnten große Gruppen von Arbeitern die Blöcke mit Seilen vorwärts bewegt haben. Die nahegelegene Ebene des Altiplano bot zwar keine befestigten Straßen im modernen Sinn, doch durch das Anlegen von Rampen und das Planieren des Bodens ließen sich Zugrouten schaffen.

Für die Andesitblöcke, die über den Titicacasee gebracht werden mussten, wird angenommen, dass Flöße aus Schilf oder Holz zum Einsatz kamen. Diese hätten die schweren Blöcke über das Wasser transportiert, bevor sie an Land weitergezogen wurden. Experimente im 20. Jahrhundert haben gezeigt, dass Schilfboote durchaus in der Lage sind, mehrere Tonnen zu tragen. Für die größten Steine wäre allerdings eine Kombination aus Flößen, Rollsystemen und reiner Muskelkraft erforderlich gewesen.

Es ist wahrscheinlich, dass die Organisation des Transports nicht nur technische, sondern auch rituelle Bedeutung hatte. Das gemeinsame Bewegen der Blöcke könnte Teil einer kollektiven Zeremonie gewesen sein, die die Gemeinschaft stärkte und religiöse Symbolik in den Bauprozess einband.

Gesteinsarten in Tiwanaku (Tiahuanaco) und ihre Bedeutung

In Tiwanaku kamen hauptsächlich zwei Gesteinsarten zum Einsatz: Sandstein und Andesit.

Sandstein

Der rote Sandstein aus der näheren Umgebung wurde vor allem für großvolumige Bauelemente verwendet. Er ließ sich leichter gewinnen und bearbeiten als Andesit, war jedoch weniger widerstandsfähig. Besonders die Mauern der Akapana-Pyramide bestehen aus diesen Steinen. Durch ihre rötliche Farbe hatten sie vermutlich auch symbolische Bedeutung, da Rot in vielen Andenkulturen mit Leben, Blut und Fruchtbarkeit assoziiert wurde.

Andesit

Der dunkle Andesit hingegen ist ein vulkanisches Gestein von hoher Härte. Er wurde für besonders präzise gearbeitete Elemente eingesetzt, etwa für die H-Blöcke im Pumapunku oder für das berühmte Sonnentor. Andesit erlaubte eine feine Bearbeitung und war langlebig, weshalb er für monumentale und symbolträchtige Bauwerke bevorzugt wurde. Seine Herkunft von der Copacabana-Halbinsel deutet zudem auf einen bewussten Bezug zur heiligen Landschaft des Titicacasees hin.

Die Kombination aus beiden Gesteinsarten verlieh den Bauwerken Tiwanakus nicht nur Stabilität, sondern auch eine besondere ästhetische Wirkung. Der Kontrast zwischen rotem Sandstein und dunklem Andesit verlieh den Gebäuden eine dramatische Ausstrahlung, die ihre religiöse und politische Bedeutung unterstrich.

Symbolik und kulturelle Dimension der Steine in Tiwanaku

Die Auswahl, Bearbeitung und Bewegung der Steine war weit mehr als eine technische Leistung. Für die Menschen von Tiwanaku hatten diese Materialien eine spirituelle Dimension. Der Weg der Steine vom Steinbruch über Wasser und Land bis in die zeremoniellen Zentren war möglicherweise ein heiliger Prozess, der die Verbindung zwischen Landschaft, Göttern und Gesellschaft sichtbar machte.

Jeder Stein konnte als Träger von Bedeutung gesehen werden – sei es durch seine Farbe, seine Herkunft oder seine Position im Bauwerk. Besonders die präzise gearbeiteten Andesitblöcke zeugen davon, dass die Baumeister nicht nur Ingenieure, sondern auch Künstler und Priester zugleich waren. Die Steine von Tiwanaku sind daher nicht einfach Baumaterial, sondern Ausdruck einer Weltanschauung, die Natur, Religion und Gesellschaft zu einer Einheit verband.

Tiwanakus Bauwerke und Monumente im Detail

Die Akapana-Pyramide

Die Akapana ist das größte Bauwerk von Tiwanaku. Sie wirkt wie eine Stufenpyramide und wurde aus Erde aufgeschüttet, die mit Steinplatten verkleidet ist. Im Inneren finden sich Kanäle, die Regenwasser ableiteten – wahrscheinlich hatten sie auch eine symbolische Bedeutung, etwa für Fruchtbarkeit und den Bezug zu heiligen Bergen. Auf der Pyramide fanden Zeremonien und Opfer statt. Viele Forscher sehen die Akapana als Herzstück der Stadt, das Macht und Religion sichtbar machte. Die Akapana ist eine siebenstufige Pyramide von rund 200 Metern Seitenlänge und etwa 17 Metern Höhe. Sie wurde aus massiven Erdaufschüttungen errichtet und mit behauenen Steinplatten verkleidet. Die Akapana war das zentrale Zeremonialgebäude und demonstrierte die Macht der Elite.

Das Tor zum Kalasasaya

Der Zugang zum großen Tempel Kalasasaya war durch monumentale Tore gestaltet. Diese Tore dienten nicht nur als Eingänge, sondern auch als Übergänge von der Alltagswelt in den heiligen Bereich. Prozessionen führten durch diese Portale, die mit großen Steinblöcken gebaut wurden. Wer eintrat, spürte sofort, dass er nun in einen besonderen, rituellen Raum gelangte.

Der Kalasasaya-Tempel

Der Tempel Kalasasaya ist eine große rechteckige Plattform, die von hohen Steinpfosten umgeben ist. Er wurde für wichtige Rituale genutzt, oft im Zusammenhang mit astronomischen Ereignissen wie Sonnenwenden. Die Anlage war so gebaut, dass man den Lauf der Sonne gut beobachten konnte. Hier standen auch berühmte Monolithen, also große Steinfiguren. Kalasasaya verband religiöse Feste mit Beobachtungen des Himmels und war ein Zentrum der Macht. Das Kalasasaya-Plateau wurde im Lauf der zeit immer weiter monumental ausgebaut. Es handelt sich um einen rechteckigen Tempelkomplex mit hohen Steinwänden und monumentalen Eingängen. Die Ausrichtung der Anlage weist auf astronomische Funktionen hin, insbesondere auf die Bestimmung von Sonnenwenden und Äquinoktien.

Der Putuni Komplex

Westlich des Kalasasaya liegt Putuni, auch „Palast der Sarkophage“ genannt. In diesem abgeschlossenen Hof mit großen Mauern und einem eindrucksvollen Tor sollen wohlhabende Familien oder Priester gelebt und gewirkt haben. Funde von Steinsarkophagen deuten darauf hin, dass hier auch Bestattungen stattfanden. Putuni war ein Ort, an dem das alltägliche Leben der Elite mit religiösen Handlungen verbunden war.

Der Opferblock – Sacrificial Block

Dieser Stein hat im Volksmund den Namen Lautsprecherstein. Er ist aus Andesit gefertigt und besitzt ein auffällige exakt gebohrtes Loch, das wie ein akustischer Resonanzkörper wirkt. Daher rührt auch der Beiname ‚Lautsprecherstein“‘, weil man glaubt, dass durch das Loch Schallwellen verstärkt oder gebündelt werden konnten.

Wahrscheinlicher ist, dass das Loch zur Befestigung diente (z. B. von Seilen, Holz oder Metall), oder es hatte eine rituelle Funktion im Zusammenhang mit Opfern oder Zeremonien. Viele Archäologen vermuten, dass der Stein ein Teil von Ritualen zur Verehrung von Göttern, Ahnen oder auch zur Astronomie war.

Kherikala

Kherikala ist ein etwas weniger bekannter Teil von Tiwanaku. Hier stehen Reste von Mauern und Plattformen, die zeigen, wie sorgfältig die Menschen Steine bearbeiteten und zusammenfügten. Wahrscheinlich diente die Anlage als Teil des zeremoniellen Zentrums und war mit den benachbarten Bauwerken verbunden. Auch wenn heute vieles zerstört ist, gibt Kherikala einen Eindruck von der großen Baukunst der Tiwanaku-Kultur.

Die Andinen Kreuze in Kherikala

In den Steinen von Tiwanaku taucht immer wieder das Motiv des sogenannten „Andinen Kreuzes“ auf. Es wird auch „Chakana“ genannt und steht für die Verbindung von drei Welten: Himmel, Erde und Unterwelt. In Kherikala finden sich geometrische Muster, die an dieses Symbol erinnern. Solche Formen zeigen, dass Architektur nicht nur praktisch war, sondern auch die Weltanschauung der Menschen ausdrückte.

Das Sonnentor in Tiwanaku (Tiahuanaco)

Das bekannteste Monument ist das Sonnentor von Tiwanaku. Es ist aus einem einzigen Andesitblock gefertigt und zeigt aufwendig gearbeitete Reliefs mit einer zentralen Gottfigur, die Strahlen oder Stäbe in den Händen hält. Viele deuten die Bilder als Darstellung eines Kalenders oder von kosmischen Kräften. Wo das Tor ursprünglich stand, ist unklar, doch es war sicher ein heiliger Ort. Heute gilt es als Wahrzeichen von Tiwanaku.

Das Mondtor – Puerta de la Luna in Tiwanaku

Das Mondtor „Puetro de la Luna“ ist weniger bekannt als das Sonnentor, aber ebenfalls beeindruckend. Es steht im Bereich von Putuni und ist mit Reliefs von Tieren, vor allem Pumas, geschmückt. Das Tor hatte wahrscheinlich eine rituelle Bedeutung, vielleicht in Verbindung mit Bestattungen oder Mondzyklen. Zusammen mit dem Sonnentor zeigt es, wie wichtig Übergänge und Portale für die Tiwanaku-Kultur waren.

Der abgesenkte Tempel

Der abgesenkte Tempel ist ein rechteckiger Hof, der tiefer als das umliegende Gelände liegt. Seine Mauern sind mit hunderten Steinköpfen geschmückt, die alle unterschiedlich aussehen. Wahrscheinlich stellten sie Ahnen, Götter oder wichtige Persönlichkeiten dar. Im Hof selbst standen große Stelen, die Figuren oder Priester darstellen. Wer hier hinabstieg, betrat symbolisch die Unterwelt und war von einer „Versammlung“ aus Stein umgeben.

Die Kopfskulpturen im abgesenkten Tempel

Die Steinköpfe im abgesenkten Tempel sind einzigartig. Jeder Kopf ist anders gestaltet: manche wirken realistisch, andere fremdartig oder stilisiert. Diese Vielfalt könnte zeigen, dass Tiwanaku ein Zentrum war, das viele Völker zusammenführte. Die Köpfe waren nicht bloß Dekoration, sondern hatten rituelle Bedeutung. Sie sollten vielleicht die Anwesenheit der Ahnen oder der Geister sichtbar machen.

Die drei Stelen im abgesenkten Tempel

In der Mitte des Templete Semisubterraneo in Tiahuanaco stehen drei Stelen. Die wichtigste davon ist der „Barbado-Monolith“, der eine Figur mit bartähnlicher Verzierung zeigt. Die beiden anderen Stelen rahmen ihn. Gemeinsam bildeten sie wohl den Mittelpunkt von Ritualen. Die Verbindung von abgesenktem Raum, Kopfskulpturen und Stelen machte diesen Ort zu einem mächtigen Symbol für Religion und Gemeinschaft.

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Die Stele ‚El Descabezado‘

Die Stele „El Descabezado“, also „die Enthauptete“, ist eine Figur ohne Kopf. Trotz der Beschädigung erkennt man, dass sie zu den großen Priester- oder Herrscherstatuen von Tiwanaku gehört. Sie hielt wahrscheinlich Gefäße oder Stäbe in den Händen, Symbole der Macht. Auch ohne Kopf ist die Statue beeindruckend und zeigt, wie detailreich die Steinmetze arbeiteten.

Chunchukala

Chunchukala ist ein weiterer Bereich im zeremoniellen Zentrum von Tiwanaku. Heute sind nur noch Mauerreste sichtbar, aber man erkennt, dass es sich um eine Anlage mit klaren Strukturen handelte. Chunchukala war vermutlich Teil der Wege, die Pilger und Prozessionen durchschritten. Zusammen mit den anderen Höfen und Plätzen bildete es ein Netzwerk von Ritualorten.

Kantatallita

Kantatallita bedeutet „Licht der Morgendämmerung“. Hier fanden sich besonders kunstvoll bearbeitete Steine, die wohl Teil einer größeren Anlage waren. Viele Steine zeigen feine Nuten und Passungen, die belegen, wie präzise die Bauleute arbeiteten. Wahrscheinlich diente Kantatallita als ritueller Platz, der in Verbindung mit den benachbarten Tempeln genutzt wurde.

Kerikala

Kerikala, manchmal auch Kherikala geschrieben, war ein weiterer Hof im Osten der Anlage. Er zeigt, dass die Stadt nicht aus einem einzigen Monument bestand, sondern aus vielen kleineren Höfen und Plätzen, die miteinander verbunden waren. Jeder dieser Orte hatte eine bestimmte Rolle im religiösen und politischen Leben. Kerikala ist ein Beispiel dafür, wie stark Tiwanaku von klar geplanten Raumfolgen geprägt war.

Die Monolithen in Tiwanaku – Allgemein

Die Monolithen von Tiwanaku sind große Steinfiguren, die wie Priester oder Herrscher wirken. Sie tragen Gürtel, Kopfschmuck und halten Gefäße oder Stäbe. Manche sind mehrere Meter hoch. Die Figuren verkörperten wahrscheinlich Ahnen oder Götter und waren Mittelpunkt von Zeremonien. Jeder Monolith hat eigene Details, aber alle folgen einem gemeinsamen Stil, der Tiwanaku einzigartig macht.

Der Monolith Bennett in Tiwanaku

Der Bennett-Monolith ist mit über sieben Metern Höhe der größte bekannte Monolith. Er wurde im 20. Jahrhundert ausgegraben und lange in La Paz ausgestellt, bevor er zurück nach Tiwanaku gebracht wurde. Die Figur ist reich verziert und zeigt Symbole von Macht, Ritual und Kosmos. Heute steht sie in einem Museum bei der Stätte und gilt als Nationalsymbol.

Der Monolith Barbado in Tiwanaku

Der „Barbado“ steht im abgesenkten Tempel. Er fällt durch ein Gesicht auf, das wie ein Bart aussieht. Diese Darstellung ist einzigartig und macht ihn zu einer der bekanntesten Figuren von Tiwanaku. Der Barbado ist zusammen mit den beiden anderen Stelen der Mittelpunkt des abgesenkten Hofs und wird oft als Priester oder Gottheit gedeutet.

Der Monolith El Fraile in Tiwanaku

Der „El Fraile“ („der Mönch“) steht im Kalasasaya-Tempel. Er ist kleiner als Bennett, aber ebenfalls reich verziert. Sein Name stammt aus der Kolonialzeit, weil die Figur an einen Mönch erinnerte. In Wirklichkeit zeigt er wahrscheinlich einen Priester oder Herrscher, der rituelle Gegenstände in den Händen hält.

Der Monolith Ponce in Tiwanaku

Der Ponce-Monolith ist aus Andesit gefertigt und sehr fein gearbeitet. Er zeigt viele Symbole, darunter Tränenmotive, Gürtelverzierungen und Darstellungen von Tieren. Seine kunstvolle Gestaltung macht ihn zu einem der wichtigsten Beispiele für die Steinmetzkunst von Tiwanaku.

Puma Punku – Das Tor des Pumas

Der Komplex Puma Punku ist besonders berühmt für seine riesigen Steinblöcke. Manche wiegen über hundert Tonnen, andere sind als H-förmige Bausteine präzise zugeschnitten. Wie die Menschen diese Steine ohne Rad bewegten, ist bis heute ein Rätsel. Puma Punku war wahrscheinlich ein rituelles Eingangstor oder eine Plattform, die den kosmischen Ordnungen gewidmet war.

Seine monumentalen Steine zeigen die höchste Meisterschaft der Baukunst von Tiwanaku. Die Präzision, mit der diese Steine bearbeitet wurden – mit scharfen Kanten, Bohrungen und passgenauen Einlassungen – gibt bis heute als unübertroffen. Pumapunku dürfte ein zeremonielles Zentrum gewesen sein und vielleicht auch als repräsentativer Eingang zur Stadt gedient haben.

In dieser Epoche entwickelte Tiwanaku eine architektonische Sprache, die Macht, Religion und Wissen vereinte. Monumentale Plätze, Pyramiden und Tempel wurden so angelegt, dass sie sowohl die Gemeinschaft versammeln als auch den religiösen Anspruch der Eliten betonen konnten.

Die H-Steine von Pumapunku

Die sogenannten H-Steine oder H-Blöcke sind eine der bekanntesten Besonderheiten der archäologischen Stätte Pumapunku, die zum großen Ruinenkomplex von Tiwanaku in Bolivien gehört. Diese Anlage entstand im Hochland der Anden, unweit des Titicacasees, und war zwischen ca. 500 und 1000 n. Chr. ein bedeutendes religiöses und politisches Zentrum der Tiwanaku-Kultur.

Charakteristik der H-Steine von Pumapunku

Die Blöcke weisen eine markante H-Form auf, wodurch sie leicht erkennbar sind.
Material: Sie bestehen meist aus Andesit (ein sehr harter Vulkangestein) oder Sandstein.
Bearbeitung: Besonders auffällig sind die präzisen Kanten, rechtwinkligen Einkerbungen und symmetrischen Aussparungen, die wie genormt wirken.

Viele Forscher nehmen an, dass die Steine standardisierte Maße hatten, da sich mehrere Exemplare sehr genau ineinanderfügen lassen. Diese Merkmale führen dazu, dass die H-Steine oft als Beweis für eine außergewöhnlich fortschrittliche Steinbearbeitungstechnologie der Tiwanaku-Kultur gesehen werden.

Hypothesen zur Funktion der H-Steine in Puma Punku

Bausteine in einem modularen System

Eine gängige Theorie ist, dass die H-Blöcke Teile von Mauern oder Terrassen bildeten.
Ihre Form erlaubte möglicherweise ein ineinandergreifendes Bausystem, ähnlich wie moderne Legosteine.
Die präzisen Einkerbungen könnten zur Verbindung mit Metallklammern oder anderen Bauelementen gedient haben.

Symbolische oder religiöse Bedeutung der H-Steine

Manche Forscher vermuten, dass die Form nicht nur praktische, sondern auch symbolische Funktion hatte.
Sie könnten etwa als ritueller oder dekorativer Bestandteil von Tempelanlagen genutzt worden sein.

Unvollendetes Projekt

Einige der Steine liegen verstreut und scheinen nie vollständig verbaut worden zu sein.
Dies deutet darauf hin, dass größere Bauvorhaben unvollendet blieben, möglicherweise wegen politischer oder klimatischer Umbrüche.

Archäologische und populäre Deutungen der H-Steine

Die präzise Steinbearbeitung ist außergewöhnlich, aber im Rahmen der damaligen Möglichkeiten erklärbar. Wahrscheinlich verwendeten die Tiwanaku einfache, aber effektive Werkzeuge wie Steinmeißel aus härterem Gestein, Schleiftechniken mit Sand und Seile zum Transport.

In populären Büchern oder Dokumentationen werden die H-Blöcke oft als Beweis für „verlorenes Wissen“ oder sogar außerirdische Einflüsse interpretiert. Archäologisch gibt es dafür aber keine Belege – die Tiwanaku-Kultur war selbst hochentwickelt und konnte beeindruckende Ingenieurleistungen erbringen.

Handel und Lebensunterhalt in Tiwanaku

Die Menschen von Tiwanaku lebten im Hochland des heutigen Bolivien, auf über 3.800 Metern Höhe. Das Klima ist dort hart, mit kalten Nächten, trockenen Wintern und nur wenigen Monaten, in denen Regen fällt. Trotzdem gelang es den Bewohnern, eine blühende Gesellschaft aufzubauen. Ihr Lebensunterhalt beruhte auf einer Kombination aus Landwirtschaft, Viehzucht und Handel, die sich gegenseitig ergänzten.

Eine der wichtigsten Grundlagen war die Landwirtschaft. Um in dieser extremen Höhe Nahrung zu produzieren, entwickelten die Menschen ein ausgeklügeltes System von Feldern, die sogenannten Waru-Waru. Diese erhöhten Beete wurden von Kanälen umgeben, die Wasser sammelten und die Erde feucht hielten.

Gleichzeitig wirkten die Kanäle wie Wärmespeicher: Sie nahmen am Tag Wärme auf und gaben sie in der Nacht ab, sodass die Pflanzen besser vor Frost geschützt waren. Auf diesen Feldern bauten die Menschen Kartoffeln, Quinoa und andere heimische Pflanzen an. Diese Technik machte es möglich, große Mengen an Nahrungsmitteln zu produzieren und Überschüsse für den Tausch zu schaffen.

Neben der Landwirtschaft spielte auch die Viehzucht eine große Rolle. Vor allem Lamas waren für die Bewohner unverzichtbar. Sie lieferten Wolle, Fleisch und dienten als Lasttiere. Mit Hilfe der Lamas konnten Waren über große Entfernungen transportiert werden. Alpakas wurden vor allem wegen ihrer feinen Wolle geschätzt, die zu Kleidung und Decken verarbeitet wurde. So trugen die Tiere nicht nur zur Ernährung, sondern auch zur Herstellung wichtiger Güter bei.

Der Handel war für Tiwanaku von entscheidender Bedeutung. Die Stadt lag an einem Knotenpunkt, der verschiedene Regionen miteinander verband. Vom Tiefland des Amazonas kamen Produkte wie tropische Früchte, Koka und exotische Federn. Aus den Küstenregionen des heutigen Peru und Chile gelangten getrockneter Fisch, Meersalz und Muscheln ins Hochland.

Aus den Bergen stammten Metalle wie Kupfer, Zinn und Gold, die für Werkzeuge, Schmuck und religiöse Gegenstände gebraucht wurden. Tiwanaku exportierte im Gegenzug landwirtschaftliche Produkte, Textilien, Keramik und wahrscheinlich auch religiöse Ideen.

Durch diesen Austausch entstand ein Netzwerk, das weit über die unmittelbare Umgebung hinausreichte. Tiwanaku war nicht isoliert, sondern mit vielen Regionen Südamerikas verbunden. Der Handel war nicht nur eine Frage des Überlebens, sondern auch ein Mittel, um politische und religiöse Macht zu festigen. Wer den Austausch kontrollierte, sicherte sich Einfluss über weite Gebiete.

So bestand der Lebensunterhalt in Tiwanaku aus einer klugen Mischung: Landwirtschaft sicherte die Grundversorgung, Viehzucht ergänzte Nahrung und Kleidung, und der Handel öffnete den Zugang zu fremden Gütern und neuen Ideen. Diese Kombination machte es möglich, dass in einer scheinbar unwirtlichen Landschaft eine der bedeutendsten Kulturen der Anden entstehen konnte.
Tiwanaku und der Titicacasee

Der Titicacasee, der höchstgelegene schiffbare See der Welt, spielte für die Kultur von Tiwanaku eine zentrale Rolle. Nur etwa 15 Kilometer von der Ruinenstätte entfernt, war er nicht nur eine Quelle für Nahrung, sondern auch ein heiliger Ort, der tief mit der Weltanschauung der Menschen verbunden war.

Für die Versorgung der Bevölkerung war der See von großer Bedeutung. Er lieferte Fische, die das Nahrungsangebot ergänzten, und Wasserpflanzen, die als Tierfutter dienten. Besonders die Schilfpflanze „Totora“ war vielseitig nutzbar: Sie diente als Material für Boote, Dächer und sogar für kleine schwimmende Inseln.

Mit Schilfbooten konnten die Menschen den See überqueren und Handel mit den Gemeinden am Ufer betreiben. Der Titicacasee wirkte also wie eine Lebensader, die Nahrung, Rohstoffe und Transportmöglichkeiten bot.

Doch der See war mehr als nur eine Ressource. In der Religion Tiwanakus galt er als Ursprungsort der Welt. Mythen berichten davon, dass hier die Sonne und die ersten Menschen erschaffen wurden. Für die Bewohner war der Titicacasee ein heiliger Raum, der Himmel, Erde und Unterwelt miteinander verband. Besonders die Inseln des Sees, wie die Sonnen- und die Mondinsel, wurden als heilige Orte verehrt.

Rituale am See gehörten fest zum Leben der Tiwanaku-Kultur. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass Opfergaben ins Wasser gelegt wurden, darunter Keramik, Metallgegenstände und Tierknochen. Solche Handlungen sollten die Götter besänftigen und für gutes Wetter, Fruchtbarkeit und reiche Ernten sorgen. Wahrscheinlich fanden auch Prozessionen vom Zeremonialzentrum in Tiwanaku bis zum See statt, um die Verbindung zwischen Stadt und Wasserlandschaft zu stärken.

Insgesamt verband der Titicacasee die praktische Versorgung mit tiefer religiöser Symbolik. Er war Quelle des Lebens, Raum für Handel und Mittelpunkt ritueller Handlungen. Ohne ihn wäre Tiwanaku kaum denkbar gewesen – sowohl im alltäglichen als auch im spirituellen Sinn.

Legenden rund um Tiwanaku

Da Tiwanaku keine eigene Schrift kannte, stammen die meisten Geschichten von mündlichen Überlieferungen, späteren Chronisten oder von Mythen, die die Inka aufgriffen und mit Tiwanaku verbanden. Diese Legenden geben Einblicke, wie die Menschen die heilige Stadt verstanden.

Tiwanaku war nicht nur ein politisches und religiöses Zentrum, sondern auch ein Ort, der von Mythen umgeben war. Für die Menschen der Anden war die Stätte mit dem Ursprung der Welt, den Göttern und den Ahnen verbunden.

Die Ruinen wurden als Beweise einer sagenhaften Vergangenheit angesehen, in der göttliche Wesen am Werk waren. Später übernahmen die Inka viele dieser Vorstellungen und machten Tiwanaku zu einem Teil ihrer eigenen Ursprungsmythen.

Die Erschaffung der Sonne

Vor langer Zeit war die Welt dunkel, kalt und leer. Da erhob sich der große Schöpfergott Viracocha aus den Wassern des Titicacasees. Er ging nach Tiwanaku und sprach: „Hier soll das Licht geboren werden.“ Mit einer Geste schuf er die Sonne, den Mond und die Sterne. Zum ersten Mal erstrahlte die Welt in Helligkeit.

Doch einige der Wesen, die er zuvor geschaffen hatte, waren ungehorsam. Viracocha verwandelte sie in Stein und setzte ihre Köpfe in die Mauern eines Tempels. So stehen sie bis heute im abgesenkten Tempel und blicken schweigend auf die Besucher herab.

Die Riesen von Puma Punku

Noch bevor die Menschen die Erde bevölkerten, lebten gewaltige Riesen in den Hochebenen. Mit ihren mächtigen Händen schleppten sie Felsblöcke, so groß wie Berge. In Tiwanaku bauten sie die Plattformen und Tore von Puma Punku. Doch die Riesen waren stolz und vergaßen den Respekt vor den Göttern.

Zur Strafe ließ Viracocha einen Sturm von Feuer und Stein über sie kommen. Die Riesen verschwanden, und ihre unfertigen Werke blieben zurück – die gewaltigen Steine, die noch heute wie verstreut auf den Feldern liegen.

Die Kinder der Sonne

Auf der Sonneninsel im Titicacasee öffnete sich eines Morgens die Erde. Ein leuchtender Strahl stieg empor, und aus ihm traten zwei Geschwister hervor: Manco Cápac und Mama Ocllo, Kinder der Sonne. Sie erhielten den Auftrag, die Menschen zu lehren und Ordnung in die Welt zu bringen. Von der Insel aus wanderten sie, bis sie das Land der Inka gründeten. Doch ihr Ursprung blieb mit Tiwanaku und dem heiligen See verbunden, denn dort begann ihr Weg.

Die versunkene Stadt

Manche Alten erzählen, Tiwanaku sei einst eine Stadt voller Glanz gewesen. Die Paläste waren aus Gold, und die Plätze funkelten im Sonnenlicht. Doch die Menschen wurden gierig und vergaßen die Opfer an die Götter. Eines Nachts bebte die Erde, und die Stadt versank – manche sagen im See, andere im Bauch der Erde selbst. Nur die steinernen Tore und Monolithen blieben zurück, als Mahnung an alle, die den Göttern die Ehre verweigern.

Fazit

Tiwanaku ist weit mehr als eine Ansammlung alter Steine. Die Ruinen erzählen von einer Hochkultur, die im rauen Hochland des Altiplano über Jahrhunderte Bestand hatte. Mit ihrer Architektur, Landwirtschaft und Kunst schuf sie Grundlagen, die spätere Andenvölker beeinflussten.

Die Stadt war politisches Zentrum, Handelsplatz und religiöser Kultort zugleich. Hier verbanden sich weltliche Macht und spirituelle Ordnung zu einem Ganzen. Monumentale Bauten wie die Akapana oder das Sonnentor bezeugen, wie eng Alltag und Glauben verknüpft waren.

Auch heute übt Tiwanaku eine besondere Faszination aus. Die Steine, Stelen und Tore sind voller Rätsel, die Archäologen und Besucher gleichermaßen anziehen. Zugleich ist die Stätte ein lebendiger Ort für indigene Gemeinschaften, die ihre Identität darin verwurzelt sehen.

Tiwanaku bleibt somit ein Schlüssel zum Verständnis der andinen Welt. Es zeigt, wie Menschen mit Natur, Religion und Gesellschaft in Einklang zu leben versuchten. Als UNESCO-Weltkulturerbe erinnert es uns daran, wie wertvoll kulturelles Erbe für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist.

Hier finden Sie weitere interessante Informationen zu Tiwanaku (englisch):

https://www.livescience.com/26792-tiwanaku.html

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