Sidi Bou Said nahe Tunis/Tunesien – Kunst und Lebensfreude

Das Dorf Sidi Bou Said liegt nahe der Hauptstadt Tunis in Tunesien. In Sidi Bou Said vermischen sich Kunst, Geschichte und ein Lebensstil, der alljährlich zahllose Besucher nach Sidi Bou Said bringt. Obwohl die Hauptstadt Tunis nahe ist, hat sich das Dorf sein ganz eigenes Flair bewahrt.

Nicht zuletzt waren es Künstler wie August Macke und Paul Klee, die durch ihre Gemälde den Ort berühmt machten. Die Farben Blau und Weiss sind noch heute, wie jeher das Markenzeichen, denn die Erker und Balkone und die glatten Fassaden reflektieren diese beiden Farben in der grellen Sonne Nordafrikas besonders stark.

Sidi Bou Said, ein Ort mit Geschichte

Wer heute durch die engen Gassen Sidi Bou Saids spaziert, wird oftmals von der Betriebsamkeit erschlagen, den die Unmengen von Besuchern mit sich bringen. Zahlreiche Geschäfte und fliegende Händler sorgen für eine Basaratmosphäre, die zwar gelassen und locker daherkommt, aber dennoch nur auf eines aus ist – Geschäft zu machen! All das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Dorf ein Ort mit einer langen Geschichte und Tradition ist.

Schon zu Zeiten der Karthager war der Hügel, auf dem Sidi Bou Said liegt, besiedelt. Die sanfte Brise hier oben machte den Ort zu einer bevorzugten Wohngegend für die Oberschicht. Aber auch die strategische Bedeutung stand schon sehr früh im Vordergrund, denn von hier oben hatte man einen ungestörten Blick hinunter in die Ebene, wo herannahende Feinde schnell und frühzeitig ausgemacht werden konnten. So entwickelte sich die Erhebung zu einem Wachposten, der bis ins 17. Jahrhundert seine Wichtigkeit nicht verloren hatte.

Es kam deshalb immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen um Sidi Dou Said. Aber auch für den Islam und die Religion rückte das Dorf ins Rampenlicht, als sich im 13. Jahrhundert Abu Said Khalaf Ibn Yahya Attamimi Al Beji, genannt Sidi Bou Said, zum Ribat auf den Hügel zurückzog. Der Namensgeber des Ortes war ein asketischer Mann, ein Sufi-Prediger und Lehrer. Der Ribat verlangt ähnlich einem Einsiedlerleben massiven Verzicht von einem Menschen.

Zu diesen Regeln gehören der Abbruch der Beziehung mit den Geschöpfen (al-ḫalq), Aufnahme der Beziehung mit dem Wahren (al-ḥaqq = Gott), Verzicht auf Erwerbsarbeit und Begnügen mit dem Schutze des Verleihers der Mittel (musabbib al-asbāb = Gott), Zurückhaltung der Nafs von der Geselligkeit und Vermeidung der Folgen, unablässiger Gottesdienst Tag und Nacht, der an die Stelle jeder Gewohnheit (ʿāda) tritt, Beschäftigung mit der Bewahrung der Zeiten (ḥifẓ al-auqāt), Verharren in den Litaneien (mulāzamat al-aurād), Erwartung der Ritualgebete und Vermeidung von Nachlässigkeiten (iǧtināb al-ġaflāt).

In späteren Jahrhunderten erkannte die lokale Oberschicht in Tunis und Umgebung die Vorzüge von Sidi Bou Said und der Ort entwickelte sich zur Sommerfrische. Es entstanden luxuriöse Villen und Paläste und die Vermischung der architektonischen Stile Norddafikas mit den Einflüssen aus dem andalusischen Stil macht bis heute den Reiz der Straßen aus.

Die blauen Fenster und Erker haben tunesischen Charakter und sorgen für Kühle im Haus in der Hitze des Tages, die Innenhöfe orientieren sich an den Patios Südspaniens und die kopfsteingedeckten Gassen sind der Treffpunkt von Menschen aus aller Welt.

Baron Rodolphe d’Erlanger in Sidi Bou Said

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam Rudolf Franz Freiherr von Erlanger – Rodolphe d’Erlanger – nach Sidi Bou Said und verliebte sich in den Ort. Er war Bankier und ließ zwischen 1909 und 1922 sein Anwesen, den Palast Ennejma Ezzahra erbauen. Tunesische und marokkanische Handwerker errichteten ein Meisterwerk der arbabisch-islamischen Architektur, das fortan als Blaupause für alle Gebäude in Sidi Bou Said wurde. Der Blick von der Terrasse des Anwesens aus das Meer und die Umgebung ist einzigartig.

Baron Erlanger machte aus seinem Heim eine Stätte der Kunst, der Literatur und der Musik, denn er selbst war ein versierter Maler und viele seiner Werke hängen heute in renommierten Museen. Zu Zeiten des Barons waren es Persönlichkeiten Alphonse van Bredenbeck de Châteaubriant, Gustave Flaubert, Paul Klee, August Macke, Alphonse de Lamartine, André Gide, Colette und Simone de Beauvoir, die dem Dorf ihre Aufwartung machten und durch Bilder, Gedichte und Geschichten seinen Ruf als Refugium der Künste begründeten.

Heute wird diese Tradition vom Centre des Musiques Arabes et Méditerranéennes (Zentrum für arabische und mediterrane Musik) fortgesetzt, ein Museum und eine Institution zur Förderung des musikalischen Erbes des Landes. Es befindet sich seit 1991 im Ennejma Ezzahra-Palast. Es finden regelmäßige Lesungen, Konzerte und Ausstellungen statt.

August Macke und Paul Klee – die Tunisreise

Keine Reise von Künstlern fand im 20. Jahrhundert in der Kunstgeschichte ein solches Echo, wie die der beiden Maler August Macke und Paul Klee, die sie zusammen mit ihrem Freund Louis Moilliet im Jahr 1914 unternahmen. Sie reisten nach Tunis und hinterließen auf ihren Aquarellen, in den Skizzenbüchern, ihren Tagebüchern und auf Fotografien Momentaufnahmen Tunesiens in der damaligen Zeit.

Neben der Hauptstadt standen St. Germain, die Teppich- und Moscheenstadt Kairouan, der Küstenort Hammamet und natürlich Sidi Bou Said auf dem Besuchsprogramm. Überall sind Landschaften, Alltagsszenen und Bauwerke Motive der beiden Maler geworden. Berühmt wurde ihr Aufenthalt im Café des Nattes in Sidi Bou Said. Vor allem das Café mit seinem Blick hinunter auf eine der Hauptstraßen des Ortes und das orientalische Ambiente veranlassten Macke und Klee zu einigen ihrer bekanntesten Bilder.

Tunisreise von August Macke 1914
Tunisreise von August Macke 1914
Tunisreise von August Macke 1914
Tunisreise von August Macke 1914
Café des Nattes in Sidi Bou Said
Café des Nattes in Sidi Bou Said

August Macke: Blick auf das Café des Nattes
August Macke: Blick auf das Café des Nattes

Auf den Spuren der Tunisreise besuchen heute jedes Jahr zahllose Menschen das Dorf und sind erstaunt, dass sich das Ambiente und die Fassaden der Häuser, wie sie auf den Aquarellen zu sehen sind, nicht verändert haben. Die Zeit schein hier trotz allen Fortschritts stehengeblieben zu sein.

Fazit

Auch wenn der Touristenrummel Sidi Bou Said manchmal scheinbar erdrückt und es nur noch um den Kommerz der Souvenirverkäufer, Kunsthändler und Teppichverkäufer zu gehen scheint, so kann interessierter Besucher doch so manch ruhigen Ort in Seitenstraßen, pittoresken Innenhöfen und an Aussichtspunkten abseits der Sehenswürdigkeiten und Geschäften finden. Ein Besuch lohnt auf jeden Fall.

Tür in arabischem Stil
Tür in arabischem Stil
Tür in arabischem Stil
Tür in arabischem Stil
Tür in arabischem Stil
Tür in arabischem Stil

Hier finden Sie weitere Informationen zu Sidi Bou Said:

https://www.skr.de/tunesien-reisen/sehenswuerdigkeiten/sidi-bou-said/

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