Geografischer Nullpunkt im Golf von Guinea

Geografischer Nullpunkt? Als ich diesen Begriff das erste Mal hörte, konnte ich mir rein gar nichts darunter vorstellen, obwohl ich durch meine ausgedehnten Reisen, irgendwann einmal davon hätte hören müssen! Der Begriff geografischer Nullpunkt suggeriert schon etwas, das wir uns bildlich so einfach nicht vorstellen können. Eher verbinden wir damit das Wort ‚Nichts‘. Und so ähnlich ist es auch in der Realität. Will man diesen Ort einmal schriftlich darstellen, sieht das im Koordinatensystem der Erde so aus:

Geografischer Nullpunkt Koordinaten
Geografischer Nullpunkt Koordinaten

Will man an den geografischen Nullpunkt reisen, ist zunächst die Definition zu klären: geographischer Nullpunkt ist der Punkt, an dem der Nullmeridian den Äquator kreuzt. Das ist schon eher vorstell- und nachvollziehbar. Also jetzt ist das Ziel klar und auf einer Weltkarte darstellbar. Das sieht dann so aus:

Geografischer Nullpunkt: Die Karte
Geografischer Nullpunkt: Die Karte

Das Abenteuer Geografischer Nullpunkt begann schon 2007

Regenborgen am geografischen Nullpunkt
Regenborgen am geografischen Nullpunkt

In der Vorbereitung eines geografischen Vortrags, den ich auf dem Kreuzfahrtschiff MS Deutschland zu halten hatte, befasste ich mich mit der Materie eingehender und erfuhr durch die Presse, dass eine Künstlergruppe (FMSW) dieses Abenteuer im Jahr 2007 gewagt und erfolgreich zum Abschluss gebracht hatte. Am 11. Juni 2007 versenkten die vier Künstler am geografischen Nullpunkt im Golf von Guinea eine Stahlkugel, in deren Innerem ein Vakuum herrscht. Also eine Annäherung ans Nichts von 0,000001 bar.

Die vier damaligen Studenten berichteten damals in einem fesselnden Expeditionsbericht von den Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt, um an diesen Ort zu kommen. Eine Expedition ins Nichts. Ich ahnte damals nicht, dass ich selbst unerwartet das Glück haben würde, diesen Punkt auf unserer Erde zu erreichen, selbst zu sehen und zu erleben.

Geografischer Nullpunkt – meine Annäherung an das Nichts

Sonne am geografischen Nullpunkt
Sonne am geografischen Nullpunkt

Es kam das Jahr 2012. Ich war mit der MS Deutschland als Kreuzfahrtdirektor und Lektor unterwegs auf einer Westafrikareise. Die Route führte über Marokko, Gambia und sollte nach Ghana, Togo und Benin, über Sao Tomé und Principé bis nach Kapstadt führen. Nun gab es zu dieser Zeit vermehrt Unruhen und instabile politische Situationen in den Ländern Westafrikas. Es kam zu Piratenüberfällen nahe den Küsten. So wurde an Bord darüber diskutiert, ob ein solches Risiko vertretbar war und die Zielhäfen angelaufen werden konnten.

Man kam überein, dass die Gefahr zu groß war und es wurde nach Alternativen gesucht, wie den Gästen an Bord dennoch ein besonderes und unvergessliches Reiseerlebnis bereitet werden könne. So machte ich, im Wissen, um die Expedition der Künstlergruppe (FMSW) dem Kapitän den Vorschlag fernab der Küste durch den Golf von Guinea Richtung Süden zu reisen und dabei den geografischen Nullpunkt zu erreichen. Der Vorschlag wurde angenommen und das Schiff machte sich auf den Weg nach Südafrika – über den magischen Punkt.

Geografischer Nullpunkt – die Geschichte

Geografischer Nullpunkt: Die Boje
Geografischer Nullpunkt: Die Boje

Der geografische Nullpunkt ist, wie viele der imaginären Linien auf unserem Globus, eine mehr oder minder willkürliche Festlegung, die nicht selten aus politischen Erwägungen, weniger aus geografischen heraus getroffen wurden. Der Nullpunkt macht da keine Ausnahme. Es handelt sich um eine Konvention der Kartografie aus dem 19. Jahrhundert. Erst im Oktober 1884 wurde der Nullmeridian im Rahmen der internationalen Meridiankonferenz in Washington, D. C. als Basis eines global gültigen Koordinatensystems bestimmt. Bis dahin besaßen viele Länder einen eigenen Nullmeridian, der meist die geografische Länge der jeweiligen Hauptstadt oder deren Sternwarte besaß.

Nur die internationale Schifffahrt bediente sich meist des Greenwich-Meridians. Trotz des Konfliktpotenzials, die die Festlegung des Nullmeridians in sich trug – immerhin ging es um die Frage, wo der prestigeträchtigste aller Längengrade zu liegen kommt –, verlief die Konferenz friedlich und ruhig. So kam es zur klaren Festlegung des 0-ten Längengrades und somit automatisch auch zum Kreuzungspunkt des 0-ten Breitengrades – dem Äquator.

Geographischer Nullpunkt in Sicht!

Der geografische Nullpunkt ist deutlich sichtbar
Der geografische Nullpunkt ist deutlich sichtbar

Niemand war damals an Bord des Kreuzfahrtschiffes sicher, ob dieser Nullpunkt interessant sein würde. Was würde man sehen können? Wie würde das Wetter sein? Immerhin fielen gleich zwei geplante Häfen hintereinander aus. Die Neugier der Menschen an Bord stieg allerdings von Tag zu Tag. Vor allem nach dem Vortrag, der diesen Punkt allen etwas näher und auch begreifbarer gemacht hatte, freuten sich alle auf den Tag der Ankunft. Es kam der 10. November 2012, 12 Uhr Bordzeit. Das Schiff näherte sich dem Nullpunkt. Und tatsächlich: In der Ferne war etwas zu erkennen. Zunächst war es ein weißer Punkt auf dem Blau des Ozeans. Dann kamen wir näher und erkannten exakt auf dem Nullpunkt eine Boje mit einem Sender.

Das war die Stelle, an der sich Nullmeridian und Äquator kreuzten. Ein einmaliges Reiseerlebnis. An Bord trat eine merkliche Euphorie ein. Der Kapitän entschied sich aufzustoppen. Die Nationalhymne wurde gespielt und man stieß mit einem Glas Sekt auf diesen sicherlich einmaligen Moment im Leben jedes Einzelnen an Bord an. Genau um 12.06 Uhr Bordzeit zeigte das GPS auf der Brücke das an, was alle erhofft hatten: Geographischer Nullpunkt: Position N 0° 00′ 000″ E 0° 00′ 000″ respektive S 0° 00′ 000″ W 0° 00′ 000″.

Geographischer Nullpunkt – ein Gefühl von Stolz und Freiheit

Geografischer Nullpunkt: Die Boje
Geografischer Nullpunkt: Die Boje

Die Boje war nun ganz nah, die Sonne schien, ein tropischer warmen Windzug strich den Menschen an Bord, die alle an Deck gekommen waren, um diesen Moment mitzuerleben, um die Nase. Fragt man mich heute, so würde ich diese Zeit am geografischen Nullpunkt als ein Gefühl, ein Reiseerlebnis, einen Moment des Stolzes beschreiben, etwas erreicht zu haben, dass die überwiegende Mehrheit der Menschheit nicht erreichen kann. Es war das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, auf genau diesem Kreuzfahrtschiff. Es war einfach ein Stück Freiheit im Nichts der Weltmeere. Denn an dieser Stelle ist der Ozean rund 5000 m tief!

Fazit

Der geografische Nullpunkt ist mehr als nur eine Vision oder ein Märchen. Er ist greif- und sichtbare Realität und dennoch ein Ort im Nirgendwo. Meine Empfehlung: Wem sich die Chance bietet, dorthin zu gelangen, der sollte sie ergreifen. Ein Lebenserlebnis und unvergesslich.

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